Wie widerstandsfähig ist BRICS im Sturm der Geopolitik? – Teil 2
Einleitung
In ersten Teil dieser Serie befassten wir uns mit den Fakten zu BRICS und den grossen wirtschaftlichen Tendenzen, die man gegenwärtig beobachten kann.
Im heutigen zweiten Teil geht es um das Umfeld, in welchem sich BRICS als die wichtigste Organisation des Globalen Südens entwickeln muss. Wir beurteilen die kriegerischen Umstände im Allgemeinen, die grosse Gefahr, welche von einem Nuklearkrieg ausgehen würde und die Unvorhersehbarkeit der geopolitischen Lage, welche uns dazu veranlasst, die gegenwärtige Situation als «Sturm» zu benennen.
Im dritten und letzten Teil werden wir dann versuchen zu zeigen, wohin sich diese Organisation bewegen könnte und was vom kollektiven Westen als Versuch zu erwarten ist, dies zu verhindern.
Sturm
Hat der 3. Weltkrieg bereits begonnen?
Wie die gegenwärtige geopolitische Situation zu beschreiben und zu benennen ist, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Man kann mit Fug behaupten, dass der 3. Weltkrieg aus rein militärischer Sicht bereits voll im Gange ist. Dies taten wir bereits im Februar 2023 in unserem Beitrag «Schlafwandler am Werk: Der 3. Weltkrieg hat wohl bereits begonnen». Seither hat sich die Situation betreffend die westliche Beteiligung seit dem Erscheinen des Artikels noch akzentuiert. Die direkte Beteiligung – etwa die Versorgung der ukrainischen Armee mit Zielinformationen unter Zuhilfenahme von Personal vor Ort – wird nicht einmal mehr ernsthaft bestritten. Somit ist die Frage, ob der 3. Weltkrieg unter militärischen Gesichtspunkten bereits begonnen hat, beantwortet, obwohl die Russen dies aus Deeskalationsgründen nicht laut sagen.
Man kann den Beginn des 3. Weltkriegs auch mit anderen Argumenten begründen. Zunächst einmal mit der geografischen Ausdehnung der Attacken aller Art. Zum anderen hat sich die Art der Kriegsführung komplett verändert. Ein Krieg kann nicht nur kinetisch, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene oder als Cyberkrieg geführt werden.

Grenzüberschreitende Cyberattacken sind an der Tagesordnung und betreffen alle grossen Akteure dieses Konflikts. Weiter führt der Kollektive Westen einen Wirtschaftskrieg gegen Russland, indem seit 2014, intensiviert seit Februar 2022, ein Sanktionsgewitter losgetreten wurde, das in der Geschichte ohne Beispiel ist. Weiter sanktionieren die USA viele andere Staaten wie etwa Venezuela seit 2015 wie schon früher Kuba und den Iran. Die Sanktionen in Venezuela richten sich gegen Unternehmen, Einzelpersonen, die Regierung und deren Mitglieder, sekundäre Sanktionen gegen Gegenparteien auf der ganzen Welt und gegen die Allgemeinheit durch Einreisebeschränkungen. Die Wirtschaftssanktionen führen bereits seit Jahren zu Gewichtsverlusten in der Bevölkerung durch Hunger (2018: 11 kg). Man kann somit den Weltkrieg auch mit diesen, wenn auch neuen Argumenten durchaus wohlbegründen.
Im frühen 2025 publizierte ich die Serie «Der Krieg zweier Welten hat bereits begonnen» (Teil 1; Teil 2; Teil 3; Teil 4; Teil 5) und argumentierte, dass wir vor Jahrzehnten dauernden militärischen Konflikten stünden, die zwischen dem kollektiven Westen und dem Globalen Süden ausgetragen würden, jedoch wohl nicht direkt – so meine Einschätzung – sondern als Stellvertreterkriege an Orten, welche für beide Welten von strategischer Wichtigkeit sind, da die betroffenen Länder etwa über grosse Rohstoffvorkommnisse verfügen oder wichtige Handelswege kontrollieren. Diese These wird zugegebenermassen auch von der Hoffnung getragen, dass ein direkter Konflikt zwischen den USA und China und Russland ausbleiben würde, da dann die Gefahr eines nuklearen Austausches horrend hoch wär. Aus diesem Grunde führen wir hier eine Sichtweise meines Freundes und Kollegen Scott Ritter an, welcher die Gefahr eines direkten nuklearen Austausches zwischen den USA und Russland als viel grösser erachtet, als ich dies Anfang dieses Jahres getan habe.
Die Gefahr eines nuklearen Armageddons
Vor zwei Wochen war ich auf der Buchvernissage von Scott Ritters neuestem Werk «Highway to Hell», in der russischen Version «Дорога в Ад», in Moskau eingeladen.

Ich kenne Scott Ritter persönlich gut und habe den grössten Respekt vor ihm als Mensch, Freund und als geopolitischen Analysten. Er gibt sich in seiner mehr als erfrischenden Bescheidenheit immer als einfacher, nicht-intellektueller Marinesoldat, was sich spätestens dann als Koketterie entlarvt, wenn er über eine Stunde vor kritischem Publikum frei spricht, um dann eine weitere Stunde teilweise unangenehme Fragen zu beantworten; dann wird man Zeuge seiner beneidenswerten intellektuellen Trennschärfe und seines unglaublich breiten und tiefen Wissens. Scott Ritters These ist in der Tat beängstigend und fusst auf mehreren Argumentationssträngen. So etwa auf dem Umstand, dass die Abrüstungsverträge durch die USA gekündigt wurden, bald auslaufen und im Falle der Nichterneuerung das Risiko eines nuklearen Austausches multiplizieren, sowie auf einigen vereinzelten Aussagen – etwa von David Lasseter – dass ein Nuklearkrieg gewonnen werden könne. Ähnliche Gedanken äusserte der bekannte russische Geopolitiker Sergej Karaganow vor wenigen Tagen in einem Interview in Moskau. Er repräsentiert nicht die Meinung des Kremls, das sei hier ausdrücklich vermerkt.
Diese vereinzelten und gefährlichen Äusserungen stehen im klaren Widerspruch zur gemeinsamen Erklärung der Staats- und Regierungschefs der fünf Atomwaffenstaaten zur Verhinderung eines Atomkriegs und zur Vermeidung von Wettrüsten vom 3. Januar 2022, in welcher China, die USA, Frankreich, Russland und Grossbritannien klar statuierten:
«Wir bekräftigen, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf».
Gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschefs der fünf Atomwaffenstaaten zur Verhinderung eines Atomkrieges und zur Vermeidung von Wettrüsten
Die Aussagen von Ritter sind glaubwürdig, leider realistisch und äusserst beklemmend: Er ruft Russland und die USA zu unbedingten und sofortigen Verhandlungen auf – dem können wir uns nur anschliessen. Darüber hinaus möchte ich unsere Leser auf Scott Ritters ersten Artikel bei uns verweisen, in dem es um die Notwendigkeit der Rüstungskontrolle geht: „Der Oreshnik-Faktor”.
Die irrsinnigen Aussagen, dass man taktische Nuklearwaffen einsetzen und das Armageddon dennoch verhindern könne, sind in aller Form zu verurteilen. Es sieht fast so aus, als dass sich die unbedingte Angst vor einem Atomkrieg, welche die Menschheit seit 1945 vor einem Atomkrieg beschützt hat, in einem Zustand der Abnutzung befindet. Wenn man davon ausgeht, dass 80% der Weltbevölkerung in einem voll eskalierten Nuklearkrieg sofort oder durch seine Folgen sterben würden, möchte man nicht zu den verbleibenden 20% gehören, welche in einem zwingend folgenden apokalyptischen nuklearen Winter dahinzusiechen. Jedem, der die Folgen eines Nuklearkriegs als in irgendeiner Form als akzeptabel formuliert, rate ich, sich das Katastrophenepos «The Day After» von 1983 zu Gemüte zu führen.
Trotz all diesen apokalyptischen Gedanken, die man nach einem intensiven Austausch mit Scott Ritters Darlegungen haben wird, glaube ich – möglicherweise von naivem Zweckoptimismus motiviert – dass wir diese Grosskatastrophe zu verhindern wissen, nicht zuletzt dank Scott Ritters unermüdlicher Arbeit, den Entscheidungsträgern dieses existenzielle Thema zu offenbaren und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren.
Sturm als Beschreibung der Gegenwart
Dennoch, die Situation ist brandgefährlich und auch wenn der Nuklearkrieg verhindert wird, steht zu befürchten, dass Millionen von Menschen sterben werden in dem Sturm, der bereits tobt.
Ich führe den Begriff «Sturm» mit Bedacht an. Wenn ich den Begriff Sturm höre, so denke ich nicht nur an stürmischen Wind, sondern an Windsysteme, die dazu führen können, dass sich die Windrichtung innert Sekunden um 360 Grad ändert – ja, diesmal stimmen die 360 Grad. Diese Sicht beruht auf Jugenderinnerungen am Lago Maggiore, einem von Bergen umgebenen See, der zum kleinen Teil in der italienischen Schweiz, zum grossen Teil in Italien liegt und dessen Stürme sich dadurch auszeichnen, dass aufgrund der Fallwinde genau dieses Phänomen der schlagartig drehenden Winde entsteht.

Wenn ich also das Wort «Sturm» höre, so habe ich Erinnerungen an komplette Änderungen der Windrichtung in Sekundenschnelle. Wenn man davon ausgeht, dass in einem Krieg sich die Gunst in die eine oder die andere Richtung bewegt, so verhält es sich in einem Sturm noch viel irrsinniger, insbesondere in Stürmen, so wie ich sie erlebt habe.
Das Verhalten von Präsident Trump etwa lässt jede Windfahne um die eigene Achse zwirbeln; ich weiss bis heute nicht, ob Trump eine Strategie verfolgt, die sich mir nicht erschliesst oder ob er intellektuell dermassen überfordert ist, dass er jede Orientierung verloren hat. Je länger ich diesem Schauspiel – besser dieser Tragikomödie – zuschaue, desto eher tendiere ich dazu, das Letztere zu vermuten. Es ist in keiner Weise abzusehen, ob der neue 28-Punkte-Plan Erfolg haben wird; was man als sicher bezeichnen darf, ist der Umstand, dass die Europäer alles tun werden, damit kein Frieden eintritt. Es geht somit darum, ob sich Trump gegen die Europäer durchsetzen kann. Damit würde er – ob gewollt oder ungewollt – auch die Interessen Russlands wahren. Die Meinung von Selenski ist dabei komplett unerheblich. Auf welche Seite die Meinung von Trump letztlich fallen wird, ist so voraussehbar wie das Ergebnis eines Münzwurfes.
Im Zusammenhang mit dem Wohl oder Wehe der Unvorhersehbarkeit Trumpscher Politik müssen wir ein Wort zur Diplomatie Russlands verlieren, insbesondere nach den Veröffentlichungen zum amerikanischen 28-Punkte-Plan. Im Moment sieht es so aus, als ob – salopp gesprochen – die USA mit Selenski und der EU-Führung im wörtlichen Sinne «Schlitten fahren». Machen wir uns nichts vor: Der Erfolg Trumps hängt dabei auch von der Flexibilität der russischen Diplomatie ab. Im Vorfeld von Anchorage hatten die USA von der russischen Führung wohl «Flexibilität» gefordert, um die Achse Ukraine – Europa ausmanövrieren zu können. Und Russland hat geliefert. Denn die Aussage Putins, dass der amerikanische 28-Punkte-Plan «dem in Anchorage besprochenen Rahmen» entspricht, dürfte weltweit einiges Erstaunen ausgelöst haben.
Lassen wir uns allerdings nicht täuschen: Dieses US-amerikanisch-russische Zweckbündnis dient nur beiden Seiten, wenn beide Seiten «liefern».
Bei allen diplomatischen Zugeständnissen sollten wir uns aber nichts vormachen: Auch wenn sich grundlegende russische Friedensbedingungen nicht im Trumpschen Plan finden, so wird es eine Unterschrift Putins nur bei Erfüllung dieser geben. Und BRICS wird Putin dabei vollumfänglich unterstützen.
In den letzten Tagen scheint auch der Epstein-Skandal eine Dynamik erfahren zu haben, die sprachlos macht. George Galloway, der wortgewaltige britische Kommentator publizierte am Sonntag, 18. November 2025, seinen Monolog mit dem Titel «Trump will not survive» dt. «Trump wird nicht überleben».
Die in diesem Monolog aufgeworfenen Vermutungen über die Erpressbarkeit Trumps bzw. seiner Administration sind horrend, ein Indikator für einen möglichen Kontrollverlust der Trump-Administration über das Narrativ dieses Skandals, der an Unappetitlichkeit nicht zu übertreffen ist. Dies wiederum garantiert die Perpetuierung des Skandals, denn je unappetitlicher ein Skandal ist, desto länger bleibt er am Leben.
Man stelle sich vor – und das scheint nun tatsächlich ein realistisches Szenario zu sein – Präsident Trump müsste in diesem kompletten Chaos, für das er mitverantwortlich ist, zurücktreten. Das würde jede geopolitische Prognose, die als sicher oder zumindest stringent galt, über den Haufen werfen. .. und einen J. D. Vance ins Weiße Haus bringen.
Zur Orientierung in einem Sturm benötigt man auch einen Kompass. Den moralischen Kompass hat der kollektive Westen spätestens Oktober 2023 verloren und seither nicht wiedergefunden. Als lebenslanger fleissiger Student des Holocaust bin ich ausser Stande, auch nur einen Hauch von Rechtfertigung und Verständnis für den Genozid aufzubringen, der sich nicht nur in Gaza, sondern auch in der Westbank abspielt. Ich habe mich ausführlich zu diesem unappetitlichen Thema, das gar nicht existieren dürfte, in meinem Artikel «Völkermord als «Selbstverteidigung» - Westliche Medien als Mittäter beim Genozid in Gaza – Wir stehen auf!» geäussert. Wenn die USA ihre Moral nicht nur wie eine Standarte bei einer Prozession vor sich hertragen, sondern ihre wohlfeilen Worte leben würden, wäre dieser Genozid nicht möglich; Europa lasse ich an dieser Stelle ausdrücklich außen vor. Europa existiert moralisch schon lange nicht mehr und wenn, dann nur als Blinddarm der USA; dazu gehört leider auch mein Heimatland, die Schweiz. Der vor ein paar Wochen geschlossene «Waffenstillstand» ist keiner – das Morden geht weiter. Dieser teuflische Deal dient lediglich als Feigenblatt. Wem? Den den Genozid fördernden westlichen Medien, um den durch Zionisten gezielt und bewusst inszenierten und dabei vom Westen materiell und politisch orchestrierten Völkermord etwas zu kaschieren.
Die Welt befindet sich somit in einem mehr als instabilen Zustand. Wie eine Nussschale wird die Menschheit in den Wogen herumgeworfen, intensiver denn je. Das rührt auch daher, dass die Kräfteverhältnisse sich auf viel mehr Pole verteilen als früher, als Ergebnis der sich entwickelnden multipolaren Welt.
«Eine lebhaftere Metapher für «David gegen Goliath» hat es wohl in der Militärgeschichte noch nie gegeben»
Während des letzten Weltkrieges war die Macht – und somit auch die Zerstörungsmacht – auf wenige Länder verteilt. Die Anzahl der Länder, von denen heute Macht ausgeht, ist viel grösser. Die Gründe dafür sind zahlreich: Die Art der Konfliktfähigkeit ist vielfältiger, da bei der militärischen Konfliktfähigkeit etwa günstige Drohnen und Lenkwaffen dazukommen, die einem kleinen, früher unterlegenen Gegner dazu verhelfen, einem viel grösseren und reicheren Gegner asymmetrisch viel Schaden zuzufügen. Die Huthis etwa werden seit über 10 Jahren von Saudi-Arabien, USA, Grossbritannien, Israel und Frankreich bekämpft und behalten dennoch die Oberhand. Schätzungsweise 350'000 Huthis, von denen lediglich etwa 20'000 Kampftruppen angehören, sind in der Lage fünf der grössten Militärmächte im Roten Meer in Schach zu halten. Eine lebhaftere Metapher für «David gegen Goliath» hat es wohl in der Militärgeschichte noch nie gegeben – ein wahrhaftes Desaster für das Prestige der amerikanischen und europäischen Streitkräfte.
Weiter ist der Cyberkrieg zu erwähnen, wo Ergebnisse vom Intellekt und der Kreativität und nicht vom Bruttosozialprodukt abhängen. Diese beiden Beispiele, verbunden mit der höheren Anzahl der Teilnehmer, lassen die Anzahl möglicher Resultate dieser Auseinandersetzung exponentiell ansteigen.
Zwischenergebnis
Es herrschen somit tatsächlich stürmische Zeiten auf der Welt. Dies sind wahrlich keine guten Voraussetzungen für eine vorteilhafte Entwicklung der BRICS-Gemeinschaft. Man könnte argumentieren, dass dies unfair sei gegenüber dem Globalen Süden, wenn man die im Vergleich dazu friedlichen Nachkriegsdekaden anführt, unter denen sich die Machtstrukturen des Kollektiven Westens entwickeln konnten.
Doch «Sturmgeborene» sind von Natur aus stärker.
Begriffe von Fairness sollte man jedoch in der Geopolitik nicht als Argument anführen, da trotz Feigenblättern wie etwa «Menschenrechte» und «Internationales Recht» schliesslich jene obsiegen, die stärker sind – nur darauf kommt es an. Nazideutschland unterlag nicht etwa im Zweiten Weltkrieg, weil es die Fairness gebot, sondern weil sie militärisch geschlagen wurde. Diesmal wird es nicht anders sein.
In diesem Zwischenkapitel haben wir nun erstellt, dass die geopolitische Situation auf der Welt wohl nicht mehr unübersichtlicher sein kann und das Wort «Sturm» die Situation tatsächlich wohl formuliert. Doch «Sturmgeborene» sind von Natur aus stärker.
Im dritten Teil werden wir jene Brandherde beschreiben, welche sich aus Mitglieder-, Partner- und Kandidatenlisten von BRICS+ ergeben.
«Wie widerstandsfähig ist BRICS im Sturm der Geopolitik? – Teil 2»