Europäische Gemeinsamkeiten und Perspektiven - Kultur als Basis für Frieden und Prosperität

Europäische Gemeinsamkeiten und Perspektiven - Kultur als Basis für Frieden und Prosperität

Auszug aus dem 2024 erschienenen Buch „Niemand soll hungern, ohne zu frieren“ von Wolfgang Bittner
Fr. 13 Feb 2026 6

Nachdem in den deutsch-russischen Beziehungen einige Jahre lang Tauwetter eingetreten war und eine zunächst noch blasse Sonne des Friedens und der Prosperität die dunklen Wolken durchdrungen hatte, herrscht nach dem 24. Februar 2022 wieder ein akuter Kalter Krieg, der rasch in einen heißen übergehen kann. Nach wie vor werden Aggressionen geschürt, Russland wird permanent provoziert, und es sieht nicht danach aus, dass diese Jahrhunderttragödie bald ein Ende findet und die Völker Europas sich wieder auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen. Derzeit ist das Gegenteil der Fall; starke zentrifugale Kräfte und divergierende politische Vorstellungen führen immer mehr zu Auseinandersetzungen, auch innerhalb der europäischen Staaten.

Ein Europa souveräner Staaten

Im Gespräch ist erneut ein eigenständiges Europa souveräner Staaten – das sogenannte Europa der Vaterländer –, also eine Abwendung von der US-affinen Politik, die zu ruinösen Verhältnissen geführt hat. Mit gigantischer Aufrüstung und einer Stärkung der NATO beginnen zu wollen, zeugt davon, wie verkorkst die Situation ist. Denn der von den USA geführte Nordatlantikpakt hat sich in den vergangenen Jahren von einem Verteidigungsbündnis zu einem Aggressionsbündnis entwickelt, das sich anmaßt, global im Sinne des monopolaren Anspruchs der USA zu agieren.

Um der Selbstständigkeit Europas willen das Hauptaugenmerk auf das Projekt einer europäischen Armee zu richten, ist ebenso verfehlt. Denn im Rahmen der NATO würde eine solche Armee letztlich den US-Militärs unterstehen, die dann uneingeschränkten Zugriff auf europäische Kampfeinheiten für ihre Interventionskriege hätten. Und außerhalb der NATO würde, nachdem die Briten aus der EU ausgeschieden sind, die Atommacht Frankreich dominieren.

Es geht um viel Wesentlicheres, nämlich um eine Neubesinnung und Neuordnung Europas. Und das lässt sich nicht in der neoliberalen Diktatur, mit der es die Bevölkerung zu tun hat, durchsetzen, nicht mit diesem Brüsseler Wasserkopf und den dort die Politik mitgestaltenden US-Netzwerken sowie etwa 12 000 Lobbyvertretungen, nicht in der herrschenden Aufrüstungshysterie, der wirtschaftlichen und militärischen Interventionspolitik und den Austeritätsvorgaben, die ärmere Länder in den Ruin treiben.

Dabei ist für eine Neuordnung Europas, in der es nicht nur um Ökonomie, Technologie oder Militär gehen kann, eine Beteiligung Russlands unabdingbar. Denn ohne Russland wird es ein friedliches, prosperierendes Europa nicht geben. Insofern müssen sich alle Bemühungen der nächsten Zeit auf Vertrauen schaffende Maßnahmen, Verhandlungen und eine Aussöhnung richten. Dazu gibt es fortschrittliche Bestrebungen in ganz Europa. Die entscheidende Frage wird sein, ob den Bekundungen Taten folgen und wie dieses zerrüttete Europa, wäre es dann unabhängiger, künftig gestaltet werden sollte.

Europäische Kultur

Umso wichtiger ist es, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen, die die Völker Europas verbinden, und zwar unabhängig vom Willen und der Propaganda nationalistisch gesinnter Kreise. Diese Gemeinsamkeiten finden sich in der Kultur. Denn der geistig-kulturelle Austausch war niemals nur regional oder national beschränkt oder ideologisch eingeengt. Es gab Epochen, in denen die Grenzen in Europa durchlässiger waren als in unserer jüngsten Vergangenheit.

Von europäischer Kultur ist also die Rede, und wer davon spricht, meint für gewöhnlich die in europäischen Ländern gepflegte Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur usw. Dazu gehören im weiteren Sinne auch die Achtung der Menschenrechte, das Bildungswesen, Wohnbedingungen oder Essgewohnheiten, ja sogar Verkehrswesen, Kranken- und Altenversorgung oder der Umgang mit Strafgefangenen. Das alles nennen wir Kultur, die sich über die Jahrhunderte entwickelt hat.

Die europäische Kultur gründet sich vor allem auf vier Säulen: erstens der griechischen Philosophie und Humanitas, zweitens der römischen Zivilisation und dem römischen Recht in Verbindung mit germanisch-keltischen Einflüssen, drittens der christlichen und jüdischen Religion und viertens, aus jüngerer Zeit, der Französischen Revolution mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Solidarität sowie den sich daraus ergebenden sozialen Ideen und Visionen. Übrigens hatte die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 bereits Vorgänger in Korsika und in Polen, was heute kaum noch bekannt ist.

Die Ursprünge dessen, was wir heute allgemein als unveräußerliche und unentziehbare Menschenrechte bezeichnen, lassen sich wiederum auf Naturrechtsgedanken der Antike wie auch auf alte Volksrechte im europäischen Raum zurückführen. Diese Grundrechte und Grundsätze, die sich später unter anderem in der englischen Magna Charta Libertatum von 1215 sowie in der Habeas-Corpus-Akte von 1679 manifestierten, wurden auch für die amerikanischen Freiheitsrechte übernommen.

Wie aber konnte sich eine gemeinsame europäische Kultur in einem so zerklüfteten Gebilde wie dem mittelalterlichen Europa entwickeln, fragen wir uns heute. Und übersehen dabei, dass der kulturelle Austausch in früheren Jahrhunderten zeitweise mindestens so intensiv und problemlos vonstattenging wie im 21. Jahrhundert in der Epoche nach der vorübergehenden Beendigung des Kalten Krieges, der Europa jahrzehntelang in feindliche Lager gespalten hatte. Solche Grenzüberschreitungen und ihre Bedeutung für die Literatur, Kunst und Wissenschaften können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das gilt für vergangene Jahrhunderte, aber auch für die heutige Zeit, in der wir seit der von den USA oktroyierten Sanktionspolitik und dem inszenierten Krieg in der Ukraine einen epochalen Rückschritt erleben.

Grenzüberschreitungen

Russland ist das größte Land Europas, das wird zurzeit systematisch verdrängt und gerät allmählich in Vergessenheit. Aber zwischen den westeuropäischen Ländern und Russland gab es jahrhundertelang intensive Handelsbeziehungen sowie kulturellen und wissenschaftlichen Austausch. Was wäre die europäische Kultur ohne die russische Literatur, Kunst, Musik, ohne das russische Theater? Ich nenne nur die Schriftsteller und Dichter Leo Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Anton Tschechow, Maxim Gorki, Alexander Puschkin und Jewgeni Jewtuschenko, die Maler Alexej von Jawlensky, Kasimir Malewitsch und Ilja Repin (ich habe sofort die Wolgatreidler vor Augen), die Musiker Sergei Prokofjew, Dmitri Schostakowitsch und Pjotr Tschaikowski (ich höre die Nussknacker-Suite).

Puschkin las Goethe, Goethe las Puschkin, bis heute wird in Russland Heinrich Heine verehrt, und Ludwig van Beethoven widmete Zarin Elisabeth seine Polonaise Op. 89, wofür ihm zum Dank eine großzügige Zuwendung gewährt wurde. Zar Peter I. arbeitete 1607 inkognito auf einer niederländischen Werft, um die Techniken des Schiffsbaues zu erlernen, und Albert Lortzing verfasste nach dieser historischen Episode das Libretto für seine Oper „Zar und Zimmermann“.

Zwischen den europäischen Ländern, ihren Dichtern und Künstlern gab es immer einen regen kulturellen Austausch. Es ist kein Geheimnis, dass Johann Wolfgang von Goethe seinen „ultimativen Kick“ während einer Italienreise erhielt. Und sein Drama „Faust“ beruht auf einer Überlieferung, die erstmals 1587 in einem deutschen Volksbuch erschien und von einem Mann berichtet, der einen Bund mit dem Teufel eingeht. Das Vorbild dafür war augenscheinlich der Arzt und Gelehrte Paracelsus, 1493 in der Schweiz geboren, der in Österreich und Italien lebte und praktizierte. Auch der englische Dramatiker Christopher Marlowe (1564–1593) schrieb ein Stück über diese Thematik – den Pakt mit dem Teufel – schon lange vor Goethe.

Für viele Kulturschaffende gab es keine Grenzen. Der Nürnberger Bildhauer Veit Stoß zum Beispiel schnitzte von 1477 bis 1489 den bis heute bewunderten Altar in der Marienkirche in Krakau. Nikolaus Kopernikus wurde in Torun (Thorn) geboren, und als er sich in Italien an der Universität einschrieb, wusste er nicht – so wird bekundet –, ob er seine Herkunft als Deutscher oder als Pole angeben sollte. Erasmus von Rotterdam pflegte einen umfangreichen Briefwechsel mit Geistesgrößen in ganz Europa, unter anderem mit Justus Decius, Berater des polnischen Königs Sigismund des Älteren, in Krakau. Decius (eigentlich Jost Ludwig Dietz) stammte aus dem Elsass, das damals zu Deutschland gehörte, und galt seinerzeit als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in Polen.

Friedrich Schiller wurde von den Ideen Jean-Jacques Rousseaus beeinflusst, der französische Philosoph Voltaire lebte eine Zeitlang am Hofe Friedrichs des Großen in Berlin, der schlesische Poet Andreas Gryphius – er lebte von 1616 bis 1664 und schrieb wunderbare schwermütige Gedichte – traf in Amsterdam den niederländischen Poeten Joost van den Vondel. Der Dichter Jakob Lenz und andere deutsche Dichter, Vorläufer der Romantik, gingen nach Polen und Russland. Heinrich Heine und Ludwig Börne emigrierten nach Paris, Georg Büchner – verfolgt von der hessischen Geheimpolizei – floh nach Frankreich und in die Schweiz, wo er mit 24 Jahren starb.

Der große polnische Dichter Adam Mickiewicz lebte jahrelang in Russland und in Frankreich, der englische Dichter Lord Byron in der Schweiz und in Italien. Dostojewski spielte Roulette im Baden-Badener Spielkasino, in Bad Homburg und in Paris. Tolstoi besuchte Schulen in Deutschland, um sich Anregungen für eine Schule in seinem russischen Dorf Jasnaja Poljana zu holen. Der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset studierte in Deutschland und lebte seit dem spanischen Bürgerkrieg unter anderem in Frankreich und den Niederlanden. Die deutschsprachigen Dichter Franz Kafka und Max Brod lebten in Prag, Franz Werfel und Karl Kraus in Wien. Der Schriftsteller Alfred Döblin reiste 1923 einige Monate durch Polen und hinterließ der Nachwelt seine hochinteressanten gesellschaftsanalytischen Aufzeichnungen „Reise in Polen“, die 1926 erschienen.

Im „Dritten Reich“ und während des Zweiten Weltkriegs emigrierten deutsche Schriftsteller und Künstler nach Schweden, zum Beispiel Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Nelly Sachs und Peter Weiss, oder nach England, zum Beispiel Alfred Kerr, Kurt Schwitters oder Sebastian Haffner. Anna Seghers flüchtete vor dem deutschen Faschismus in die Schweiz und weiter nach Frankreich, bevor sie in Mexiko Zuflucht fand. Deutsche und polnische Existenzialisten und Intellektuelle fanden Aufnahme in den Niederlanden und nach deren Besetzung in Frankreich und Spanien. In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts flohen viele griechische Künstler vor dem Faschismus nach Deutschland, Frankreich und Polen. Später kamen zahlreiche Dissidenten aus den kommunistischen Ländern Osteuropas nach Westeuropa.

Auch viele Maler wechselten ihren Wohnsitz, so Chagall, Kandinsky und Jawlensky, die von Russland nach Frankreich und nach Deutschland gingen. Gauguin heiratete eine schwedische Frau, der Bildhauer Brancusi wanderte sogar zu Fuß von Rumänien nach Paris. Und auch der norwegische Maler Edward Munch wandte sich nach Paris, ebenso der schwedische Dramatiker August Strindberg oder der polnische Komponist Frédéric Chopin. Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, emigrierte von Wien nach London.

Und schauen wir uns die Architektur an. Ganze Straßenzüge in Riga oder in Wilna könnten ebenso in Lübeck stehen; in manchen Vierteln von Krakau oder Lemberg meint man in Wien oder in Prag zu sein. Italienische Architekten wirkten in Deutschland, Frankreich, Russland oder Polen. In den Dombauhütten waren Baumeister aus vielen Ländern Europas vereinigt.

Alle diese Künstler, Schriftsteller, Dichter, Architekten und Gelehrten inspirierten sich gegenseitig, und insofern können wir von einer europäischen Kunst und Literatur, von einer europäischen Kultur sprechen. Jeder brachte seinen eigenen nationalen Charakter, seine Persönlichkeit ein, geprägt durch die regionale Kultur, durch lokale Eigenheiten, gesellschaftliche Verhältnisse, Landschaft, Folklore usw. Betrachten wir Chagall und sein Werk: In seinen Bildern spiegelt sich seine russisch-jüdische Kindheit wider. Und Franz Werfel, Autor jüdischer Herkunft, der in Österreich lebte, bevor er nach Frankreich und weiter in die USA emigrierte, schrieb einen Bestseller über den katholischen Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich.

Es gibt andere Gemeinsamkeiten als die Nationalität

Über die Jahrhunderte hat sich ein reger kultureller Austausch nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd entwickelt, in den die Länder eigene Impulse eingebracht und eine gemeinsame europäische Identität entwickelt haben, und zwar trotz unterschiedlicher Mentalitäten, politischer Strategien und kriegerischer Auseinandersetzungen. Nun ist festzustellen, dass dieser Prozess durch gezielte Einflussnahme aus den USA gravierend gestört ist. Eine künftige koordinierte Kulturpolitik sollte in der Lage sein, hier regulierend und bewahrend einzugreifen.

Das wird allerdings Zeit brauchen, denn die westliche Sanktionspolitik und die Hetzkampagnen gegen Russland haben dazu geführt, dass gegenwärtig tiefste Eiszeit herrscht. Dennoch bemühen sich Künstler, Schriftsteller und Kriegsgegner darum, die Verbindung nicht abreißen zu lassen. Das sind private Initiativen, die hierzulande bei offiziellen Stellen Argwohn erregen und von den Medien, soweit sie überhaupt darüber berichten, hämisch abgetan, in Russland aber durchaus positiv wahrgenommen werden.

Zum Beispiel engagiert sich der Verein Deutsch-Russische Friedenstage Bremen e. V. seit Jahren für Frieden, gegenseitigen Respekt sowie für die Wiederherstellung gutnachbarlicher Beziehungen zur Russischen Föderation. In diesem Sinne finden in Bremen viel beachtete Vorträge, Lesungen, Kundgebungen, Ausstellungen, Filmvorführungen und sonstige Aktivitäten statt. Autoren politischer und literarischer Bücher werden eingeladen, es wird informiert und diskutiert. Das Gleiche geschieht in Leipzig bei der Initiative Friedenswende 2023 sowie in den Friedensforen in Essen, Hannover, Kassel, Stuttgart und vielen anderen Orten.

Seit 2015 organisieren der Bauunternehmer und Musiker Owe Schattauer und der Politiker Rainer Rothfuß Friedensfahrten nach Russland, die seit dem Ukraine-Krieg wegen massiver Reiseeinschränkungen unterbleiben müssen. Der Greifswalder Physiker Uwe Durak hat gemeinsam mit dem Moskauer Schriftsteller Vladimir Fadejew im Frühjahr 2024 eine Anthologie mit deutschen Friedensgedichten aus drei Jahrhunderten in deutscher und russischer Sprache herausgegeben.[1] Und der Sänger Tino Eisbrenner eroberte bei einem großartigen Konzert im Mai 2023 mit dem Lied „Kraniche“ die Herzen des Moskauer Publikums.[2] Als Eisbrenner die zweite Strophe auf Deutsch sang, erhob sich das Publikum im Saal – als Zeichen für Frieden und Völkerfreundschaft.

Literatur, Musik, Malerei, bildende Kunst oder Architektur können Grenzen überschreiten, die Menschen hören und lernen voneinander, sie überwinden ihre Fremdheit. Da sind unendlich viele Möglichkeiten, Brücken zu bauen durch Kultur, die letztlich Grundlage für jede ökonomische oder technische Entwicklung ist. Das ist essenziell! Schriftsteller und Künstler überschreiten mit Leichtigkeit Grenzen, von denen es immer noch viel zu viele gibt, und sie haben zumeist keine Probleme miteinander. Es gibt andere Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen als die Nationalität.

 Quellen und Anmerkungen

[1] Uwe Durak/Vladimir Fadejew: Die Augen von Anna. Deutsche Poeten über den Frieden. U Nikitskich Vorot, Moskau 2024

[2] Das Lied: www.youtube.com/watch?v=IMMFepnuAUU (23.4.2024)

6 Kommentare zu
«Europäische Gemeinsamkeiten und Perspektiven - Kultur als Basis für Frieden und Prosperität»

Übersetzen nach
close
Loading...