Von Spezialoperation zu Krieg – Russland ändert seine Strategie
Einleitung
Vor kurzem wurde ein Geist zu Grabe getragen – der Geist von Anchorage. Keiner kannte ihn persönlich, er hatte sich gegenüber niemandem zu erkennen gegeben. Es gab auch keine Dokumente, in denen er beschrieben worden wäre. Und doch war er in aller Munde, auch wenn er von den Beteiligten dieser Geist-Beschwörung sehr unterschiedlich, ja geradezu konträr interpretiert worden war.
Dann war es soweit: Der russische Präsident und sein Außenminister äußerten sich innerhalb weniger Stunden zu diesem Geist. Ihnen folgten wie in einer Kaskade eine Reihe weiterer führender russischer Politiker.
Während Außenminister Lawrow ihn kurz, bündig und für jedermann unmissverständlich begrub, veranlasste die Art und Weise, wie ihn, diesen Geist, anschließend Wladimir Putin verabschiedete, den einen und anderen Beobachter dazu, Zerwürfnisse innerhalb der russischen Führung ausgelotet haben zu wollen.
Die Ereignisse der letzten Tage haben diesen Spekulationen den Boden entzogen. Der Geist von Anchorage bekommt in Russland keinen Fuß mehr auf den Boden. Einem anderen wurde für alle offen sichtbar der Weg frei gemacht.
Der Prozess des Umdenkens
Der Konflikt in der Ukraine, die Spezielle Militäroperation, ließ viele seit ihrem Beginn rätseln, wie denn Russland seine erklärten Ziele erreichen will: Demilitarisierung, Denazifizierung als Grundvoraussetzung einer ukrainischen Neutralität, die zwingend auch einen Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft mit sich bringen muss. Je länger der Waffengang dauerte, desto stärker wurde dieses Rätselraten im Westen in eine Schwäche Russlands umgedeutet. Jedwede von Russland gesetzten Grenzen, die berühmten roten Linien, wurden ignoriert und übertreten, die Ukraine vollgepumpt mit Waffen, Geld und der Überzeugung, dass der Westen jederzeit hinter den Kiewer, nicht legitimierten Clique stünde und man gemeinsam Russland in Stücke reißen würde. Wenn nicht heute durch die Ukraine allein, dann spätestens 2029 oder 2030 gemeinsam, „Seit` an Seit`“ mit der NATO.
Das ist der Hintergrund für die Entscheidungen, die für jeden sichtbar in der russischen Führung über einen Zeitraum von mehreren Monaten herangereift sind. Als zeitlichen Ausgangspunkt darf man die ukrainische Drohnenattacke auf die Residenz des russischen Präsidenten in Waldai und eine nahebei gelegene Kommandozentrale der russischen Nuklearstreitkräfte vom Herbst letzten Jahres annehmen.
Angriffe dieser Art kann die Ukraine allein nicht durchführen. Die eingesetzten Drohnen waren ohne westliche Hilfe nicht produzierbar, die Zielkoordinaten können technisch nur von den USA oder Großbritannien gekommen sein und den Weg zu den genannten Zielen, erhielt die Ukraine von den USA auf Basis amerikanischer Satelliten- und Geheimdienstdaten.
Vieles deutet darauf hin, dass die russische politische und militärische Führung ab diesem Zeitpunkt jeden Schritt des Westens insgesamt und der USA ganz im Besonderen auf eine Verträglichkeit mit den Absprachen von Alaska prüfte, dem von russischer Seite vielbeschworenen Geist von Anchorage. Putin verzichtete auf öffentliche Kritik am Verhalten der USA, baute Trump immer wieder verbale Brücken, die dieser und seine Umgebung in ihrer Hybris jedoch ausschließlich durch ihre amerikanischen Brillen deuteten.
Beginn einer neuen Kriegsrealität
Ein derart arrogantes, selbstherrliches Vorgehen der USA – und in ihrem Windschatten der NATO und der EU - musste in Russland zwangsläufig Entscheidungen reifen lassen, die in ihrer Umsetzung eine neue Kriegsrealität in der Ukraine und möglicherweise darüber hinaus schaffen werden. Russlands behutsamen Agieren gegenüber den USA im Iran-Konflikt hätte den USA und ihren Vasallen ebenfalls eine Warnung sein können. Doch rationales Agieren ist nicht Teil des Verhaltenskodexes der gegenwärtigen westlichen Führungen. Es spricht vieles dafür, dass im wortwörtlichen Sinne dem Westen das Wasser politisch, wirtschaftlich und militärisch bis zum Hals und teilweise höher steht und grundlegende Rettungsinstinkte empfindlich gestört sind. Einem Ertrinkenden kann nur dann sinnvoll geholfen werden, wenn er sich helfen lässt.
Und so verstärkte Russland in den letzten Tagen und Wochen seine Angriffe auf die Ukraine in einer Art, auf die weder die Ukraine noch ihre Sponsoren vorbereitet schienen. Die strategisch wichtige Stadt Konstantinowka wurde genommen, das ähnlich wichtige Liman steht kurz vor der Einnahme.
Die Luft-Attacken wurden ganz gezielt auf Kiew ausgeweitet, vor allem auf Produktions- und Lagerkapazitäten. Die in den letzten 14 Tagen erfolgten vier massiven Angriffe wurden jedes Mal härter, gezielter und verheerender, wobei die russischen Truppen ihre Taktik so änderten, dass den Ukrainern keine Vorwarnzeit mehr bleibt. Gerade für die Rüstungsindustrie hat das einschneidende Konsequenzen, wenn dem Personal die entscheidenden 10 Minuten zur Evakuierung fehlen.
Es wurden auch drei 5-Sterne-Hotels getroffen, ohne dass die Ukraine diese in ihren propagandistischen Erklärungen auch nur erwähnte. Die Kiewer Satelliten-Stadt Vishnewoje wurde weitestgehend zerstört – nicht durch russische Waffen, sondern durch die Sekundärdetonationen nach einem russischen Raketentreffer in einem in der Stadt gelegenen riesigen Waffenlager mit großen Mengen amerikanischer Munition. Man spricht auch von einer großen Zahl Patriot-Luftabwehrraketen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass das Lagern von Munition in urbaner Umgebung nach internationalen Vereinbarungen verboten ist. Eine weitere Nachricht, die im westlichen Blätterwald nicht existiert.
Doch die eigentliche Nachricht der letzten Tage war die folgende:
„Es herrscht Krieg, ein echter Krieg. Wissen Sie, warum es ein Krieg ist? Deshalb, weil alles als spezielle Militäroperation angefangen hat. Sie wird als Krieg fortgesetzt, weil hinter Kiew sowohl Berlin als auch Paris, Den Haag, Oslo und leider auch Washington stehen. Weil man ihm hilft, über seine Satelliten zu zielen, und ihm hilft, ausländische Waffen über seine gesamte Infrastruktur auf unsere Ziele auszurichten. Unter diesen Umständen müssen wir uns klar machen: Das Regime in Kiew ist zu allem fähig.“
Dmitry Peskow
Das sagte der Sprecher des russischen Präsidenten Dmitry Peskow in einem Interview der russischen Zeitung „Vesti“ am 5. Juli 2026.
Die Dimension dieser Äußerung ist die logische Fortführung der Äußerungen von Präsident Putin und Außenminister Lawrow, auf die wir oben verwiesen. Bevor nun die Spekulationen ins Kraut wachsen, bemühen wir uns um eine nüchterne Analyse der Worte Peskows.
Als Russland seine Spezielle Militäroperation im Februar 2022 begann, wurde sie politisch und rechtlich von der russischen Führung beschrieben als Aktion zur Befreiung der Republik Lugansk und Donezk, die zuvor von Russland völkerrechtlich anerkannt wurden. Damit war der Rahmen der SMO auf die Territorien dieser inzwischen zu Russland gehörenden Landesteile gesetzt.
Niemand konnte den weiteren Gang der Dinge voraussehen. Auch wenn der Westen in der Ukraine bereits seit 2014 alles tut, um die Ukraine zu einem Anti-Russland umzugestalten, war nicht absehbar, wie weit der sogenannte Kollektive Westen gehen würde. Es gab innerhalb der russischen Führung wohl die Hoffnung, sich an einer bestimmten Stelle mit dem Westen über die Ukraine einigen zu können. Eine Einigung MIT der Ukraine wurde durch die Entwicklungen immer unrealistischer, zumal der russische Präsident einen legalistischen Ansatz verfolgt. Die Führung in Kiew ist zum einen nicht legitimiert und bewies zum anderen wiederholt, dass sie nicht verhandlungsfähig ist.
Der Donbass, also die Gebiete Lugansk und Donezk, sind bis auf wenige Quadratkilometer unter russischer Kontrolle. Mit der endgültigen Übernahme dieser Gebiete benötigt die russische Führung eine Grundlage für die Aufhebung der territorialen Beschränkungen der SMO auf den Donbass.
Mit der ausdrücklichen Nennung der beteiligten westlichen Staaten sowie der Art ihrer Beteiligung wird es dem Westen schwerfallen, die Definition seiner Beteiligung als Krieg gegen Russland zu widerlegen.
Fazit
Der verbale Verweis auf einen „Krieg“ ist nicht neu. Bereits am 22. März 2024 äußerte sich Peskow in einem Interview für „Argumety i Fakty“ wie folgt:
„Wir befinden uns im Kriegszustand. Ja, es begann als militärische Sonderoperation, aber sobald sich dort diese Clique gebildet hatte und der gesamte Westen auf Seiten der Ukraine in den Konflikt eingriff, war es für uns schon ein Krieg. Davon bin ich überzeugt. Und jeder muss das verstehen, um sich innerlich darauf einzustellen.“
Dmitry Peskow
Russland hatte offensichtlich große Erwartungen in den Friedenswillen von US-Präsident Trump und vermied praktisch jedwede Kritik an dessen Verhalten. Das Treffen von Anchorage ist vor diesem Hintergrund zu betrachten. Doch nachdem immer offensichtlicher wurde, dass sich zum einen Trump nicht gegen die Falken in den USA durchsetzen kann und zum anderen er selbst das wohl auch nicht will, begann in der russischen Führung ein sich über Monate hinziehender Prozess des Umdenkens.
Als Peskow 2024 von einem „Kriegszustand“ sprach, bot diese Formulierung noch Interpretationsmöglichkeiten. Heute lautet seine Aussage: „Es herrscht Krieg, ein echter Krieg.“ Und er nennt die Beteiligten.
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