Wie die internationale Finanzoligarchie nach wie vor die Welt beherrscht
Benjamin Disraeli, 1846: Die Welt wird von ganz anderen Persönlichkeiten regiert, als sich diejenigen vorstellen, die nicht hinter den Kulissen stehen.

Ein Gespräch unter Fachleuten
Am 12.10.2026 haben sich Pascal Lottaz und Alex Krainer auf dem YouTube-Kanal Neutrality Studies von Pascal Lottaz unterhalten.
Die erörterte Frage drehte sich um den fortbestehenden Einfluss des vermeintlich untergegangenen britischen Empires. Krainer’s These ist: Dieses britische Empire sei zwar als territoriales Kolonialreich untergegangen. Aber das finanzorientierte Grossbritannien, die Londoner City, habe nie wirklich an Macht verloren. Es sei also als Machtstruktur mit ihren transnationalen Eliten keineswegs verschwunden. Es habe sich vielmehr von einer offen imperialen Herrschaftsform in ein weitgehend unsichtbares System aus Finanzkapital, politischen Netzwerken, Geheimdiensten, strategischen Denkfabriken und internationalen Institutionen verwandelt, die es geschickt versteht, seine Rolle zu verschleiern.
Krainer bezeichnet dieses Gebilde als das „undead British Empire“, das „untote britische Empire“. Gemeint ist eine Macht, die formal und in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit nicht mehr lebt, deren grundlegende Interessen, Denkweisen und Herrschaftsmethoden aber wie ein sehr aktiver Zombie fortbestehen.
Neokolonialismus
Die entscheidende Verschiebung liege darin, dass diese nach wie vor imperiale Macht heute nicht mehr in erster Linie durch die unmittelbare Besetzung fremder Gebiete ausgeübt werden müsse. Es reiche, die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen zu kontrollieren, unter denen andere Staaten ihre Entscheidungen treffen.
Wer Kredite vergibt, Eigentumsrechte definiert, Rohstoffkonzessionen kontrolliert, politische Eliten beeinflusst und militärische Abhängigkeiten organisiert, könne Staaten beherrschen, ohne sie offiziell zu kolonisieren. Die Erträge würden weitgehend durch Zinsen und direkte Geschäftsprofite in den Taschen der Finanzoligarchie landen, wobei die direkt in den jeweiligen Ländern arbeitenden Firmen wie Förderbandstationen fungieren, durch die der Reichtum der Länder in die Tresore von Londoner City und Wall Street transportiert werden.
Nationalstaaten und Firmen als Werkzeuge für den Reichtumstransfer
Das Empire sei demnach weniger eine territoriale Einheit als ein internationales Herrschaftssystem, das nationale Staaten und internationale Firmen als Instrumente seiner Interessen benutzt. Die Londoner City und Wall Street erscheinen als zentrale Knotenpunkte eines einzigen globalen Finanz- und Machtgeflechts.
Die Vereinigten Staaten seien dabei nicht wirklich der souveräne Nachfolger des britischen Weltreichs. Sie seien – ebenso wie der übrige kollektive Westen – vielmehr auch ein Werkzeug in den Händen der genannten Herrschaftsstruktur, die die wirtschaftliche und militärische Macht der USA für sich selbst und ausschliesslich in ihrem eigenen Interesse nutzt. Entsprechend würden innerhalb der USA unterschiedliche Kräfte miteinander konkurrieren: einerseits die Verfechter amerikanischer nationaler Souveränität, andererseits etablierte Netzwerke wie der sogenannte „Deep State“, die Krainer einer transnationalen imperialen Elite zurechnet.
Der Begriff „britisch“ bezeichnet in diesem Kontext deshalb nicht die britische Bevölkerung oder die Regierung in London – obwohl diese Regierung geflissentlich und unterwürfig das Geschäft ihrer Herren betreibt, wie dies auch im übrigen Europa der Fall ist. Vielmehr ist diese geographische Bezeichnung der Ausdruck dafür, dass ein Grossteil des genannten Herrschaftssystems seine Wurzeln und seinen Sitz in Britannien hat.
Die entscheidende Frage der Weltpolitik ist danach nicht, welcher Staat offiziell die größte Macht besitzt, sondern wer durch seine Finanzmacht die politischen, finanziellen und institutionellen Strukturen kontrolliert, durch die diese Macht ausgeübt wird.
Ganz anders sieht das die übliche Geschichtsschreibung, die wir im Westen alle in der Schule lernen: Wenn wir Imperien ausschließlich als Staaten mit Kolonien verstehen, übersehen wir jene Machtstrukturen, die den Zerfall formaler Kolonialherrschaft überdauert haben und unter neuen Bezeichnungen und ähnlichen Strukturen weiterwirken und die weitgehend von einem über Generationen koordinierten Finanzimperium gesteuert werden.


Und weil wir gerade dabei sind:

Ein uraltes Kartell
In den 1880er-Jahren kam es zu dem damals berühmten Ölpreiskrieg zwischen den Rockefellers und der Familie Rothschild. Die mächtige Familie Rothschild war in das russische Ölgeschäft eingestiegen und hatte den Gebrüdern Nobel Darlehen für Ölbohrungen und Transportinfrastruktur für den Export von Öl auf den europäischen und den Weltmarkt gewährt. John D. Rockefeller sah darin eine ernsthafte Bedrohung für die weltweite Vorherrschaft seiner Standard Oil. Der Preiskrieg zwang Rockefeller im Jahr 1892 dazu, das Oberhaupt des französischen Zweigs der Rothschild-Familie, Baron Alphonse de Rothschild, zu einem Treffen in New York einzuladen. Die Verhandlungen endeten mit einem Waffenstillstand, bei dem die konkurrierenden Familien eine Allianz eingingen (vgl. etwa Ron Chernow: Titan, The Life von John D. Rockefeller, Sr., New York 1998, S. 556). Diese engen Beziehungen blieben bestehen und beeinflussten die wirtschaftliche und politische Entwicklung des 20. Jahrhunderts erheblich.

Die Biographien dieser Familien gehören in jede Familienbibliothek.
Jugoslawien: Wie aus einer Gesellschaft ein Kriegsschauplatz wird
Krainer berichtet, welches Motiv ihn seit Jahrzehnten antreibt, diese Zusammenhänge zu analysieren. Als junger Mann in seinen 20ern hatte er das Narrativ über die angeblichen Gründe für den Krieg im damaligen Jugoslawien kritiklos übernommen und sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet. Danach war er aber sehr verwirrt und er hat sich gefragt: „Wie konnte dieser Krieg überhaupt ausbrechen?“ Diese Frage hat ihn dann nicht mehr losgelassen.
„Hättest Du etwa eine Woche vor Kriegsausbruch irgendjemanden im ehemaligen Jugoslawien, in Kroatien, in Serbien oder in anderen Republiken nach dem Krieg gefragt, hätten dir 99% der Menschen gesagt, dass das unmöglich sei. Der Krieg würde niemals stattfinden.“
Alex Krainer
Seine Mutter ist Serbin und sein Vater Kroate.
„Vielen ging es so. Sie waren gemischt. Wir wussten nicht einmal wirklich, wer wer war, weil es keine Rolle spielte. Die Menschen sahen ganz normal aus. Selbst die muslimische Minderheit – wenn man mit ihnen sprach, sahen sie aus wie ich. Es gab keinen Wahhabismus. Es gab keinen Extremismus und so weiter.“
Alex Krainer
Kein Krieg der Ethnien oder der Religionen
Er schildert eine Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft im ganzen Land friedlich miteinander lebten, Familien bildeten und sich im Alltag in keiner Weise über nationale Zugehörigkeiten definierten. Wie konnte eine solche friedliche Gesellschaft innerhalb relativ kurzer Zeit in einem gewaltsamen Konflikt zerfallen?

Seine Antwort veranschaulicht er durch den modernen Mythos von roten und schwarzen Ameisen in einem Glas: Solange die Ameisen in dem Glas ungestört nebeneinander leben, bekämpfen sie einander nicht. Wird das Glas jedoch heftig geschüttelt, geraten sie in Panik und beginnen, sich gegenseitig anzugreifen. Sie nehmen dann plötzlich die anderen Ameisen als Bedrohung wahr, obwohl sich an deren grundsätzlicher Beschaffenheit nichts geändert hat. Ein starkes Bild, das Biologen so zwar nicht bestätigen.
Gemeint ist aber: Ethnische und religiöse Unterschiede führen nicht zwangsläufig zum Krieg. Sie können jedoch politisch aktiviert und zu existenziellen Bedrohungen umgedeutet und hochgeputscht werden. Sobald dann die Menschen glauben, die jeweils andere Gruppe wolle sie angreifen oder gar vernichten, entstehen Angst, Abwehrbereitschaft und schließlich Gewalt.
Kriegsgrund: geopolitische Ambitionen der internationalen Finanzoligarchie
Dieser Krieg war danach nicht das Ergebnis eines inneren Zusammenbruchs oder uralter Feindschaften, religiöser Unterschiede oder eines angeblich unvermeidlichen ethnischen Zerfalls. Er entstand vielmehr durch politische Entscheidungen, Propaganda, institutionelle Machtkämpfe und die Verschärfung von Bedrohungswahrnehmungen, die von aussen gezielt indiziert wurden. Krainer ist überzeugt, dass das „untote“ Britische Empire die Schlüsselrolle dabei spielte, damals diese Region in einen Krieg zu treiben.
Das geplante Ziel: die Schwächung Russlands
Wie schon im Ersten und dem Zweiten und dem Kalten Krieg ging es darum, nach Möglichkeit Russland zu schwächen. Darum ging man daran, Jugoslawien zu einem Pulverfass zu machen und dann die Zündschnur anzuzünden. Die Parallele zum Ukraine-Krieg drängt sich auf. Ein Zentralstaat wie die Ukraine und Jugoslawien wird ermutigt, die Unabhängigkeits- und Abspaltungsbestrebungen von Teilrepubliken oder Landesteilen zu bekämpfen, die sich vom Zentralstaat lösen oder wenigstens nicht mehr von ihm regieren lassen wollen. Belgrad unter Slobodan Milošević wurde ebenso wie Kiew unter Wolodymyr Selenskyj instrumentalsiert, um Russland in einen Krieg in der Region hineinzutreiben und es so zu schwächen.
Die britische Finanzoligarchie habe eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien zu verschärfen und den Zerfall des Landes in eine bestimmte Richtung zu lenken. Sie hätten zunächst eine zentralisierte jugoslawische Staatsordnung unter der Führung Belgrads unterstützt, obwohl diese Politik den Widerstand jener Republiken provozieren musste, die ihre Unabhängigkeit anstrebten. Gleichzeitig hätten es westliche Waffenembargos den abtrünnigen Republiken die Möglichkeit erschwert, sich militärisch zu verteidigen. Für die Sowjetunion sei der zunehmende Einfluss des Westens auf Belgrad und die Zentralisierung von deren Macht eine konkrete Bedrohung gewesen – wohl wissend, dass aus der Londoner City schon seit Jahrzehnten die Zerschlagung Russlands betrieben wurde. Sie habe daher das westliche Waffenembargo für die Teilrepubliken Jugoslawiens unterlaufen und etwa Kroatien Waffen verkauft.
Korrupte Staatsführer als Patsies
Krainer betont, dass er die damalige serbische Führung unter Slobodan Milošević nicht als uneigennützige Vertreterin des serbischen Volkes betrachtet. Milošević selbst sei einer dieser sehr amoralischen Apparatschiks gewesen, dem das serbische Volk nicht wirklich am Herzen gelegen habe. Er habe vielmehr seine Anweisungen gehabt. Er wurde von dem Familienclan, der damals die Serbische Nationalbank geführt habe, für vier Jahre als Vertreter einer der größten Banken im ehemaligen Jugoslawien nach New York entsandt. Nachdem er aus New York zurückgekehrt sei, sei er plötzlich zum Vorsitzenden der Serbischen Kommunistischen Partei ernannt worden und habe begonnen, die Weichen für eine Machtübernahme zu stellen, um Jugoslawien unter der Herrschaft Belgrads zu zentralisieren. Dabei habe er die konsequente Unterstützung durch die westlichen Machtstrukturen gehabt. Die Freiheiten der Einzelrepubliken wurden beschnitten und damit das Glas der Ameisen geschüttelt.
Falsche Geschichtsdeutung
Krainer wendet sich gegen eine Geschichtsdeutung, die Konflikte primär aus lokalen ethnischen Spannungen erklärt und äußere Einflüsse lediglich als nachträgliche Einmischung behandelt. Sein Gegenmodell lautet: Lokale Gegensätze liefern zwar das Material, aber externe Machtinteressen entscheiden, wann und wie daraus ein Flächenbrand wird.
Die geopolitische Bedeutung des Balkans: Ein regionaler Konflikt als möglicher Auslöser eines Großkriegs
Der Balkan ist für eine globale Machtstrategie von besonderer Bedeutung. Krainer verweist auf die strategische Lage der Region zwischen dem Mittelmeer und dem östlichen Europa. Der Balkan liege an einer Schnittstelle wichtiger Verkehrswege, wirtschaftlicher Räume und militärischer Einflusszonen. Zudem sei die Region historisch mehrfach zum Ausgangspunkt europäischer Großkonflikte geworden. Nicht zufällig ist der unmittelbare Anlass für den Ersten Weltkrieg dort entstanden. Eine erneute Krise auf dem Balkan könnte Russland dauerhaft binden und schwächen. Das Gebiet selbst ist in diesem Zusammenhang nicht das eigentliche Ziel, sondern ein geopolitischer Hebel gegen Russland. Russland soll, wie der Ukraine-Krieg zeigt, durch eine Kette regionaler Krisen von der Ostsee über den Balkan bis zum östlichen Mittelmeer und nach Ostasien unter Druck gehalten werden.
Die Kontinuität einer imperialen Strategie
In diesem Zusammenhang verweist Krainer auf den britischen Geografen und Geopolitiker Halford Mackinder, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Bedeutung des eurasischen Kernraums für die globale Machtbalance hervorhob.
Mackinders Überlegungen gehören zu den klassischen Theorien der Geopolitik und die heutige Politik ist Ausdruck eines fortbestehenden imperialen Programms: Die Seemächte sollten den eurasischen Kernraum durch strategische Einflusszonen und Krisenherde umgeben, damit keine kontinentale Macht eine dominierende Stellung erlangen kann.
Die zentrale Zielgröße ist dabei Russland, das aufgrund seiner territorialen Ausdehnung, seiner Rohstoffe und seiner geografischen Lage als potenzieller Gegenspieler westlicher Seemächte betrachtet wird.
Die heutige Geopolitik erscheint aus dieser Perspektive nicht als eine Reihe voneinander unabhängiger Krisen. Vielmehr handelt es sich um verschiedene Schauplätze eines langfristigen Konkurrenzkampfes um die Kontrolle des eurasischen Raumes.
Bosnien-Herzegowina: absichtlich konservierte Instabilität
Besonders deutlich wird Krainers Argumentation am Beispiel Bosnien-Herzegowina. Er beschreibt die staatliche Ordnung des Landes als ein politisches Konstrukt, das nach dem Dayton-Abkommen von 1995 den Krieg beendet, aber zugleich institutionelle Spannungen konserviert habe. Das Land sei durch eine komplexe Machtverteilung zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten sowie zwischen verschiedenen staatlichen Ebenen geprägt. Diese Ordnung sei nicht bloß ein schwieriger Kompromiss zwischen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Interessen, sondern es sei eine Struktur, die jederzeit wieder zur Eskalation gebracht werden könne.
Man sehe das an der Republika Srpska, der serbisch geprägten Entität innerhalb Bosnien-Herzegowinas. Nach seiner Darstellung hätten internationale Einflussnahme, politische Maßnahmen der gesamtstaatlichen Institutionen und der Druck auf die Führung der Republika Srpska die Spannungen erheblich verschärft. Die britische Politik habe die serbische Führung provoziert und eine Entwicklung begünstigt, bei der Abspaltung, Gegenmaßnahmen der Zentralgewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen zunehmend wahrscheinlich erschienen – dies als Versuch, auf dem Balkan eine weitere Front in der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland zu eröffnen.
Trumps Amtsantritt als Wendepunkt: Partielle Kooperation mit Moskau
Krainer zufolge habe sich die Lage Anfang 2025 mit dem Amtsantritt Donald Trumps grundlegend geändert. Die Kriegsgefahr in Bosnien-Herzegowina habe sich plötzlich dramatisch verringert. Die Trump-Regierung habe sich auf die Seite der Führung der Republika Srpska gestellt und gemeinsam mit Moskau darauf hingewirkt, ein geplantes Referendum über eine Abspaltung aufzuschieben und Gespräche zwischen den Konfliktparteien initiiert.
Washington habe damit eine britische Eskalationsstrategie durchkreuzt. Die Amerikaner hätten die Lage nicht einfach durch militärische Überlegenheit kontrolliert, sondern indem sie die politischen Voraussetzungen für eine Eskalation verändert hätten. Der entscheidende Schritt sei gewesen, den unmittelbar bevorstehenden Auslöser einer möglichen Konfrontation zu beseitigen.
Diese Entwicklung sei ein Beispiel dafür, dass die USA und Großbritannien keineswegs immer dieselben Interessen verfolgen.
Der Westen ist kein einheitlicher Akteur: Der Konflikt zwischen Washington und London
Krainer zeigt auf, dass ein scheinbar geschlossener „Westen“ in Wirklichkeit durchaus auch von konkurrierenden Machtzentren geprägt ist. Eine Regierung in Washington könne durchaus eine Politik verfolgen, die den Interessen einflussreicher Kreise in London entgegenläuft. Auch hier ist zu unterscheiden zwischen der amerikanischen Staatsmacht und einem transnationalen Finanz- und Machtgeflecht, das historisch massgeblich von britischen Interessen geprägt wurde und wird.
Krainer weist darauf hin, dass die USA ursprünglich als Gegenentwurf zum britischen Empire entstanden seien.

Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 stehe für die erfolgreiche Beendigung einer formalen Herrschaft, die über den amerikanischen Kontinent hinweg aus London ausgeübt wurde.
Nach Krainers Auffassung habe sich dieses Verhältnis später aber teilweise wieder umgekehrt: Die USA seien zwar zur führenden Militärmacht aufgestiegen, würden aber in bestimmten außenpolitischen Fragen und vor allem auch im Hinblick auf die Dominanz der Finanzoligarchie weiterhin von Strukturen beeinflusst, die nicht primär amerikanischen Interessen dienen. Er beschreibt diese Strukturen als ein Netzwerk aus politischen Funktionären, Geheimdienstverbindungen, Denkfabriken und einflussreichen gesellschaftlichen Kreisen. Teile des amerikanischen Staatsapparats seien demnach nicht ausschließlich der Verfassung und der nationalen Souveränität verpflichtet, sondern einem transnationalen Machtgefüge.
Krainer verwendet hierfür den Begriff des „Deep State“. Er meint damit nicht einfach die Existenz einer professionellen, dauerhaft arbeitenden Verwaltung, sondern eine informelle Machtstruktur, die politische Entscheidungen beeinflusse und den Handlungsspielraum der demokratisch gewählten Regierung begrenze und die über schier unerschöpfliche Finanzmittel verfüge. Der Amtsantritt Trumps sei ursprünglich auch als Ausdruck eines inneramerikanischen Widerstands gegen die bisherige Machtverteilung gewesen. Krainer interpretiert die partielle Konfrontation zwischen der Trump-Regierung und dem britischen Finanz-Empire in gewissem Sinn als Zuspitzung dieses Konflikts.
Die eigentliche Macht des Finanzkapitals: Herrschaft durch Verschuldung statt durch Besatzung
Der wirtschaftliche Kern des Interviews liegt in Krainers These, dass moderne imperiale Macht vor allem über das Finanzsystem ausgeübt wird. Militärische Gewalt sei wichtig, aber nicht der eigentliche Motor des Systems. Entscheidend sei die Fähigkeit, andere Länder in langfristige finanzielle Abhängigkeiten zu bringen und die daraus entstehenden Zahlungsströme zu kontrollieren.
Krainer beschreibt das Geschäftsmodell des untoten Britischen Empire als Dreiklang aus Schulden, Rohstoffen und Vermögensabschöpfung.
Die Rolle der Banken: „Förderband der Vermögensabschöpfung“
Das Unternehmen, das den Rohstoff tatsächlich fördert, ist danach aber nicht unbedingt der wichtigste Gewinner. Ein Ölkonzern muss Personal beschäftigen, Anlagen errichten, Energie bereitstellen, technische Risiken bewältigen und die Förderung organisieren. Er ist Teil der realwirtschaftlichen Produktionskette.
Die Banken hingegen können an den Finanzierungsstrukturen verdienen, ohne selbst Öl fördern oder transportieren zu müssen. Ihre Erträge entstehen durch Kreditforderungen, Zinsen, Gebühren und weitere Finanzgeschäfte.

Krainer stellt deshalb die These auf, dass die eigentliche Macht nicht unbedingt bei den sichtbaren Industrieunternehmen liegt, sondern bei jenen Finanzinstitutionen, die über die Bedingungen ihrer Finanzierung bestimmen.
Das Bild, das Krainer verwendet, ist ein Förderband: Auf der einen Seite stehen Rohstoffe, Arbeitskraft und reale wirtschaftliche Leistung. Auf der anderen Seite stehen Forderungen, Zinszahlungen und Kapitalerträge. Das Förderband transportiert einen Teil der im Entwicklungsland geschaffenen Wertschöpfung zu den internationalen Finanzzentren.
Enrico Mattei: Das Gegenmodell einer national orientierten Wirtschaftspolitik
Als Gegenbeispiel zu seinem Modell des finanzdominierten Imperialismus führt Krainer den italienischen Industriemanager Enrico Mattei an.

Mattei baute nach dem Zweiten Weltkrieg den italienischen Energiekonzern Eni auf und versuchte, Italien unabhängiger von den etablierten internationalen Ölkonzernen zu machen.
Seine Strategie bestand darin, direkte und für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarungen mit rohstoffreichen Ländern zu schließen. Italien sollte Energie beziehen, während die Partnerländer Investitionen, Infrastruktur, industrielle Entwicklung und Beschäftigungsmöglichkeiten erhielten.
In diesem Modell war wirtschaftliche Kooperation nicht primär darauf ausgerichtet, möglichst große Finanzforderungen gegenüber einem schwächeren Partner aufzubauen. Stattdessen sollten beide Seiten durch reale wirtschaftliche Leistungen profitieren.
Es gab umfangreiche Kooperationen mit nordafrikanischen Ländern und der Sowjetunion. Italien habe beispielsweise Industrieprodukte und Stahlrohre liefern können, während es im Gegenzug Öl erhielt. Solche Vereinbarungen hätten es ermöglicht, etablierte Ölkonzerne preislich unter Druck zu setzen. Mattei habe die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes nicht den Interessen internationaler Finanzinstitutionen untergeordnet. Italien sollte über eigene industrielle Kapazitäten, eigene Unternehmen und eigene wirtschaftspolitische Handlungsmöglichkeiten verfügen.
Mattei sei aus ähnlichen Gründen wie Alfred Herrhausen beseitigt worden, weil er das geopolitische Machtausübungsmodell des genannten Empire – in seinem Fall einschliesslich der großen Ölkonzerne und ihrer Finanzierungsstrukturen – in Frage gestellt habe. Mattei starb 1962 bei einem Flugzeugabsturz – ein gezieltes Attentat und verantwortlich dafür sei die CIA im Auftrag des Deep State gewesen.
Mattei ist daher ein Beispiel von vielen, wo einflussreiche Menschen ausgeschaltet worden sind, weil sie ein alternatives Wirtschaftsmodell erfolgreich machen wollten.
Systemischer Zwang des Kapitalismus - ist Imperialismus eine bewusste Entscheidung oder eine strukturelle Notwendigkeit?
Pascal Lottaz bringt in dem Gespräch eine wichtige theoretische Gegenüberstellung ins Spiel: Ist das beschriebene System das Ergebnis gezielter Entscheidungen einzelner Finanzakteure – ist es also intentional – oder entsteht es aus den inneren Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus – ist es also systembedingt?
Diese Frage berührt einen grundlegenden Streit zwischen unterschiedlichen Theorien zur politischen Ökonomie.
Die systemische Erklärung des Imperialismus von Karl Marx und vor allem von Wladimir Iljitsch Lenin („Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, 1916) geht davon aus, dass kapitalistische Konkurrenz und der Zwang zur Kapitalakkumulation von ihrer inneren Logik her wirtschaftliche Expansionsinteressen erzeugen, die durch staatliche Macht abgesichert werden müssen – daher die Aufteilung der Welt unter den Grossmächten.
Eine solche strukturelle Erklärung argumentiert, dass Unternehmen und Finanzinstitutionen unter bestimmten Wettbewerbsbedingungen zwangsläufig (systembedingt) nach höheren Renditen, neuen Absatzmärkten, günstigeren Produktionsbedingungen und sicheren Kapitalanlagen suchen müssen.
Krainer widerspricht einer rein systemischen Erklärung. Er betont, dass die Entwicklung in hohem Maße intentional sei. Das System bestehe nicht einfach aus anonymen Marktkräften. Es werde von Menschen gestaltet, die Entscheidungen treffen, Interessen vertreten, Institutionen finanzieren und politische Prozesse beeinflussen.
In seiner Sichtweise haben die beteiligten Akteure durchaus einen Beurteilungsspielraum hinsichtlich ihrer Ziele. Sie versuchen, wirtschaftliche und politische Bedingungen so zu gestalten, dass ihre Interessen dauerhaft gesichert werden. Krainer übernimmt den Gedanken, dass Kapitalinteressen zur Ausweitung von Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen beitragen können. Er geht aber einen Schritt weiter: Er sieht hinter den beobachteten Mustern eine bewusst koordinierte Strategie internationaler Eliten für deren eigenen Machterhalt.
Das Besondere an Krainers Argumentation ist, dass er diese fünf Annahmen nicht als voneinander unabhängige Phänomene versteht. Sie bilden für ihn einen Kreislauf: Finanzielle Interessen beeinflussen die Politik; politische Macht schafft wirtschaftliche Abhängigkeiten; geopolitische Konflikte verändern die Kräfteverhältnisse; technologische Entwicklungen erweitern die Kontrollmöglichkeiten; und die öffentliche Wahrnehmung entscheidet mit darüber, ob diese Verhältnisse akzeptiert oder infrage gestellt werden.
Das Modell ist als Ausgangspunkt einer Diskussion über Macht, Kapitalismus und Außenpolitik durchaus ergiebig. Seine Schwachstelle liegt darin, dass es sehr unterschiedliche Vorgänge mitunter zu einem einzigen, umfassenden Erklärungszusammenhang verbindet. Wo die konkreten Belege fehlen, kann aus einer plausiblen Strukturkritik eine kaum widerlegbare Deutung werden: Jede Entwicklung, auch eine widersprüchliche, erscheint dann als weiterer Beleg für die Macht des Systems.
Ausblick
Wir haben in unserem Forum Geopolitica schon verschiedentlich auf die derzeitige Systemkonkurrenz zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft hingewiesen. Unter dem Titel „Ein epochaler Umbruch bahnt sich an“ haben wir etwa dargestellt, dass die internationale Finanzoligarchie ganz fundamental darauf angewiesen ist, Staaten oder deren Machthaber zu finden, die bereit sind, sich auf Dauer am „Geldmarkt“ zu verschulden – wie etwa Deutschland derzeit mit seinen sogenannten „Sondervermögen“.
Wenn aber wichtige Staaten dazu übergehen, eine souveräne (d.h. auf Dauer nicht auf fremde Schulden angewiesene) Realwirtschaft zur Versorgung ihrer jeweiligen Bevölkerung zu schaffen, gräbt dies den Kredithaien das Wasser ab. Hier sehen wir also den wohl wichtigsten Grund für die Kriege sowohl in der Ukraine und jetzt auch gegen den Iran: Russland, China und der Iran sind für die Blutsauger nicht zugänglich. Also sollen sie unter die Knute gezwungen werden, bevor sich deren auf souveräne Realwirtschaft ausgerichtete Politik weltweit ausbreitet. Oder wenigstens soll dieser Zeitpunkt so weit wie möglich in die Zukunft verschoben werden.
Der globale Süden, die BRICS-Staaten und viele andere setzen aber konsequent ihren Weg der Souveränität fort. Setzt sich das weltweit durch, so ist die Finanzmacht des von Krainer beschriebenen untoten Zombies am Ende. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der derzeitige Weltkrieg so erbittert und unversöhnlich geführt wird und dass es keinerlei Möglichkeit für diplomatische Lösungen gibt: Es ist der Todeskampf des Neokolialismus. Der Parasit stirbt aus, wenn er keinen Wirt mehr findet – und verhandeln kann man mit dem nicht.
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Die Gesprächspartner:
Alex Krainer ist ein in Kroatien geborener Marktanalyst, Autor und ehemaliger Hedgefonds-Manager mit Wohnsitz in Monaco, der für seine Fachkenntnisse im Bereich des Rohstoffhandels und der geopolitischen Wirtschaftsanalyse bekannt ist. Er ist der Gründer von KRAINER ANALYTICS und von I-System Trend Following und der Autor von: „Alex Krainers Trend-Following-Bibel“, „Mastering Uncertainty“, „Grand Deception“ (verboten). Ausserdem publiziert er regelmässig auf Alex Krainer’s Substack. Zu seinem Hintergrund findet man mehr hier.
Dr. Pascal Lottaz ist außerordentlicher Professor an der Universität Kyoto, wo er die Neutralität in den internationalen Beziehungen untersucht und das Forschungsnetzwerk neutralitystudies.com leitet. Er erhielt seinen Masterabschluss und seine Promotion vom National Graduate Institute for Policy Studies (GRIPS) in Tokio und hat zuvor an der Waseda-Universität sowie an der Temple University (Japan Campus) geforscht und gelehrt. Zu seinen jüngsten Büchern gehören "Schweden, Japan und der lange Zweite Weltkrieg" (Routledge, 2022), "Neutral Beyond the Cold: Neutrale Staaten und das internationale System nach dem Kalten Krieg" (Lexington Books, 2022) und "Notions of Neutralities" (Lexington Books, 2019). Zudem verfasste er Artikel über "Neutrality Studies" für die Oxford Encyclopedia und "The Politics and Diplomacy of Neutrality" für die Oxford Bibliography.
Hier finden Sie eine Liste seiner aktuellen Artikel. Auf seinem YouTube-Kanal Neutrality Studies findet man ständig sehr informative Interviews. Es lohnt sich auch, auf Pascal Lottaz Substack nachzusehen.
«Wie die internationale Finanzoligarchie nach wie vor die Welt beherrscht»