Sergei Mironow – eine der führenden Persönlichkeiten Russlands
Einleitung
Ein Freund von mir rief mich an und fragte mich, ob ich Sergei Mironow kennenlernen wolle – sehr gerne. Die Einladung gab mir einen Einblick, der vielen verwehrt bleibt. In seinem Büro in der Staatsduma, wo wir uns trafen, findet sich keine Spur von Pomp, aber viele Bücher und Fotos, die auf eine lange Laufbahn in der Politik und viel Erfahrung verweisen. Ein Arbeitszimmer, das sich wohl seit Jahren nicht verändert hat – wie Mironow selbst, der sein Leben lang im Dienst seines Landes steht. Durch sein Alter kann er die Erfahrung in die Waagschale werfen. Es geht ihm um Russland und nicht um sich selbst und das nimmt man ihm ab. Seine Augen funkeln vor Energie und seine konzise und klare Sprache sind ein Segen für mich, dessen Muttersprache nicht Russisch ist.
Er erwartete ein Interview, aber bei einem Frage-Antwort-Spiel kann man die Atmosphäre nicht spüren und da ich meine Gedanken zum Gesagten einbringen möchte, beschreibe ich dieses erste Gespräch mit einem Mann, der den Eindruck vermittelt, Russland nicht nur im Parlament, sondern auch mit seinem Herzen zu vertreten.
Wer ist Sergei Mironow
Der 73-jährige Mironow wurde in Puschkin nahe St. Petersburg geboren, sein Vater verblieb nach dem Krieg in der Armee und seine Mutter war für die Partei tätig. Der studierte und promovierte Bergbauingenieur, Geophysiker und Geologe reiste viel in seinem Leben und verbrachte die letzten Jahre der Sowjetunion in Ulaanbaatar, also in der Mongolei. Von 1991 bis 1993 war er geschäftsführender Direktor der Russischen Handelskammer mit Sitz in Puschkin, die als geschlossene Aktiengesellschaft organsiert ist. 1992 machte er seinen Abschluss an der Technischen Universität St. Petersburg. Im Jahr 1993 erhielt er vom russischen Finanzministerium ein Zertifikat, das ihn zur Tätigkeit auf dem Wertpapiermarkt berechtigt. In den Jahren 1994-1995 war er Exekutivdirektor der St. Petersburger Baugesellschaft Vozrozhdenie. 1997 Abschluss mit Auszeichnung an der Russischen Akademie für öffentliche Verwaltung beim Präsidenten der Russischen Föderation. Im Jahre 1998 schloss er die Juristische Fakultät der Staatlichen Universität St. Petersburg mit Auszeichnung ab.
Ich kenne nicht viele Menschen, welche eine derart breite und tiefe akademische Ausbildung vorweisen könne.
Seine politische Karriere begann 1995 in St. Petersburg und nach vielen politischen Tätigkeiten – unter anderem als Vorsitzender des Föderationsrates zwischen 2001 und 2011 –gehört er seit 2006 der Partei Gerechtes Russland an und ist gegenwärtig deren Fraktionsvorsitzende in der russischen Staatsduma.
Mironow ist somit ein politisches Urgestein in der postsowjetischen russischen Politik, der viel Gewicht hat.
Unser Gespräch
Iran
Unser Gespräch drehte sich um verschiedene Themenfelder und begann mit einer Frage nach den wachsenden Probleme in der Geopolitik, etwa die Problematik des Iran-Kriegs und seine Auswirkungen. Mironow machte eine äusserst interessante Aussage im Zusammenhang mit Problemen, die sich auftürmen und unaufhaltsam scheinen. Er sagte, dass wenn solche unüberwindbar scheinende Situationen bestünden, die Probleme immer grösser würden und dann auf einmal alles gelöst sei; man wisse gar nicht, wann diese begannen und manchmal auch nicht warum. Die Gläubigen sagten in solchen Momenten, dass es der Herr gewesen sei und die Ungläubigen, es sei Zufall. Sehr oft sei dies so im Leben.
Damit beschreibt Mironow eine typische Charaktereigenschaft des russischen Volkes, die wohl auch der Schlüssel zum Sieg über Nazideutschland war. Der Sieg wurde möglich, weil die Russen auch in Situationen nicht aufgaben, wo alle anderen aufgegeben hätten. Diese Haltung der Russen scheint im Westen bereits wieder vergessen zu sein; leicht erkennbar am aktuellen Verhalten der EU und der USA.
Mit der Erwähnung des Friedensnobelpreises, der Trump nicht zuerkannt wurde, wonach er dann wieder in die Rolle des Weltpolizisten zu schlüpfen und den Iran in die Schranken zu weisen meinte, erteilt Mironow dem eitlen Rotschopf aus Manhattan augenzwinkernd einen Seitenhieb - der Iran – Persien – existiert als Ergebnis der Entwicklung einer Jahrtausende alten Zivilisation, die USA hingegen ein paar Jahrhunderte. Der Plan Trumps, im Iran alles wieder auf Null zu stellen, werde keinen Erfolg haben, denn die Iraner, welche jetzt mit Fahnen auf die Strassen gingen, hätten bereits gesiegt. Mehr noch, sie würden auch in der Zukunft die Strasse von Hormuz unter Kontrolle halten und seien in der Lage, weitere Schläge auszuführen. Der Umstand, dass die Nachbarländer des Irans, welche auf die USA setzten und Stützpunkte zur Verfügung gestellt hätten, Schaden genommen hätte, sei zwar sehr bedauerlich, zeige diesen Ländern jedoch klar auf, dass sie in eine Falle gelockt wurden. Weiter sei die Bombardierung von Raketenbunkern in 200 Meter Tiefe ein sinnloses Unterfangen – eine Weltzivilisation mit solchen Mitteln besiegen zu wollen sei unmöglich.
Der gegenwärtig viel höhere Ölpreis, sei zwar gut für Russland, aber das sei nicht mehr als eine Atempause für den Haushalt. So sieht es auch Putin, denn das könne schnell vorüber sein. Dem Durchschnittsamerikaner seien der Iran oder Russland einerlei, sie sind weit weg, jenseits des Ozeans. Der Amerikaner will billigen Kraftstoff und jene Partei, die das erreicht werde in den USA wohl die Wahlen im November gewinnen. Russland hingegen müsse auf die eigene Wirtschaft bauen und als Bergbauingenieur, Geophysiker und Geologe verstehe er alles, was Bodenschätze betreffe sehr gut. Der Ressourcenreichtum Russlands sei beachtlich, aber letztendlich dennoch begrenzt. Er erachte es daher als als Pflicht der heutigen Generation, diesen Reichtum für die Nachkommen zu erhalten. Der russische Staat sei seiner Meinung nach zu grosszügig im Umgang damit. Auf Rohstoffexporte erstatte Russland den Exporteuren die Mehrwertsteuer, derzeit 22%. Im vergangenen Jahr 3,5 Billionen Rubel.
Das könnte man besser organisieren, Anreize schaffen zu einer umfassenden Rohstoffveredlung, zumal die Rohstoffe exportierenden russischen Firmen so schon im Geld schwimmen. Der chinesische Staat erstattet bei Rohstoffexporten keinerlei Aufwendungen, sondern nur bei Produkten mit Wertschöpfung (Autos, Smartphones etc.) – eine gute Strategie findet Mironow.
Im Gespräch kam Mironow mehrfach auf Präsident Putin zu sprechen. Er ist froh übert dessen Präsidentschaft. Er kenne ihn seit 1994. Er sei klug, ausgeglichen, ruhig und weitsichtig. Als Schachspieler habe er es nicht eilig, einen Bauern oder Springer zu bewegen, geschweige denn die Dame. Niemand im Westen habe 2007 der Rede von Präsident Putin in München die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdiente. Er hat in ihr die nachfolgenden Ereignisse vorausgesagt. Hätten sie zugehört, so wäre die Spezialoperation von 2022 keine Überraschung gewesen. Präsident Putin hatte im Namen unseres Landes angekündigt, das Russland keinen Nazismus an seinen Grenzen akzeptieren wird. Genauso wenig, wie die Amerikaner und Engländer überrascht sein sollten über die Reaktion Russlands, ebenso wenig können sie überrascht sein von der Reaktion Irans.
Verhält sich Russland aggressiv genug?
Der Iran hat sich im Krieg sehr konsequent gewehrt, nicht nur gegen Israel und die USA, sondern auch gegen deren Verbündete. Und schon nach relativ kurzer Zeit hatte er klar die Oberhand gewonnen. Jetzt drängt sich nach vier Jahren Krieg in der Ukraine die Frage auf, ob der Zeitpunkt gekommen ist, dass Russland – etwa gegenüber Grossbritannien – einen aggressiveren Kurs fahren sollte, eine Frage, die sich viele innerhalb und ausserhalb Russlands stellen.
Dazu zitiert Mironow ein Bonmot, das es in Russland seit dem 19. Jahrhundert gibt: «Англичанка гадит» - (dt. «die Engländerin [gemeint ist die britische Königin] macht Dreck» / oder «Die Engländerin macht Späne»), tat dies immer und werde das immer tun, aber verglichen mit Russlands Grösse und Kraft stelle Grossbritannien eben kein so grosses Problem dar. Er persönlich, als emotionaler Mensch, vertrete die Meinung, die Spezialoperation in «Antiterroraktion» umzubenennen, wodurch die Probleme effektiver zu lösen wären, da eine Antiterroraktion die Tötung der Terroristen einschliessen würde. Allerdings würde der Präsident einer solchen Änderung niemals zustimmen und betreffend Grossbritannien sei das auch eine Frage des Völkerrechts, an das sich Russland im Gegensatz zu fast allen anderen Nationen strikt halte. Die USA etwa entführen Präsidenten und wollen Grönland einfach übernehmen. Russland sei anders. Er persönlich sei emotional, er würde die Terroristen ausschalten, aber der Präsident sehe das anders und habe sicher Recht. Es sei dem Präsidenten glasklar, dass die Engländer es seien, die es der Ukraine ermöglichen, präzise Angriffe zu führen. Grossbritannien wisse, was Russland wisse und dass Russland Möglichkeiten besitzt, zuzuschlagen.
Kurz nach unserem Gespräch vom 13. April publizierte das Aussenministerium am 15. April eine Meldung, die sich genau um diese Frage drehte und sehr diplomatisch in Aussicht stellte, dass Russland durchaus in Betracht zieht Ziele in Europa anzugreifen. Wir berichteten darüber.
Darüber hinaus schwäche sich Europa mit allen Mitteln selbst. Nicht nur dadurch, dass es gegenwärtig für Energie ein Vielfaches bezahlt infolge des Verzichts auf günstige Energielieferungen aus Russland, sondern auch aufgrund der innenpolitischen Strategie, ihre Länder mit Ausländern zu überfluten. Mironow sei das letzte Mal 2010 in Paris gewesen (er wurde 2014 als einer der Ersten von neun Personen sanktioniert und darauf sei er stolz). Bereits damals habe er mit einem Freund in einem Strassenkaffee gesessen und die Passanten mit Interesse betrachtet. Sie machten sich eine Spaß und zählten diejenigen offensichtlich europäischer und nichteuropäischer Herkunft, einfach nach ihrem Aussehen. Über 50% aller Passanten hatten ein nicht-europäisch Äußeres. Eine Größenordnung, die keine Gesellschaft ohne negative Folgen für die eingene Kultur verdauen könne.
Nichts währt ewig. Man sollte geduldig sein, denn es werde der Tag kommen, an dem die gegenwärtigen Führungen der europäischen Länder durch solche ersetzt würden, welche die Interessen ihrer Länder tatsächlich vertreten werden.
Stimmung in Russland nach vier Jahren Krieg – was denken die Jungen, wo liegen die Probleme.
Nach Mironow, der sich auf soziologische Studien beruft, unterstützen 80% aller Russen die Spezialoperation. Bei den über 75-Jährigen sind es fast 100%, bei den über 65-Jährigen 95% bei den 55-Jährigen sind es 80%.
Bei den Jüngeren sieht es anders aus. Bei den unter 25-Jährigen unterstützen 40% die Spezialoperation und 60% sagen, dass sie nicht dagegen sind. Mironow macht eine interessante Aussage, die er auf eine soziologische Untersuchung stützt, deren Erwähnung ihm Kritik in den eigenen Reihen eintrug: Fast 75% der Schulabgänger der Oberstufe in Moskau wollen im Ausland leben und arbeiten. Doch diese jungen Leute verstünden nicht, dass dort niemand auf sie warte, was durch die gegenwärtige geopolitische Situation noch verstärkt würde – «ah, Du bist Russe – nimm den Besen und feg die Strasse». Diese Situation sei in den Regionen jedoch viel weniger ausgeprägt.
Spricht Mironow von den Problemen in der Bildung, so tönt es ähnlich wie im Westen. Ein befreundeter Professor Mironows statuierte, dass Studenten nicht mehr fähig seien, dem Stoff zu folgen, zu lernen und zu verstehen. Viele Studenten würden sich in einer 45-minütigen Vorlesung – also 2 x 45 Minuten im Block - schon nach 15 Minuten ihrem Smartphone zuwenden würden und gar nicht mehr fähig seien, sich länger auf die Vorlesung zu konzentrieren.
Zum zweiten Studienjahr sah sich dieser Professor gezwungen, 28 Prozent aller Studenten des ersten Studienjahres zu exmatrikulieren. Trotz voller hervorragender 100 Punkte bei den Zwischenprüfungen. Zwar hätten die Betreffenden die Prüfungen teils sogar mit Spitzenergebnissen bestanden, doch das nur, weil sie von Nachhilfelehrern trainiert worden seien. Sie seien ausserstande, tatsächlich zu lernen.
Diese Aussagen Mironows sprechen Probleme an, welche ich aus der ganzen Welt höre – kein russisches Problem, aber dennoch ein riesiges Problem für alle Gesellschaften, in welche ich einen Einblick nehmen konnte. Als ich diesen Punkt aufbringe, stimmt er zu und führt aus, dass er auch aus diesem Grund gegen ein Verbot von «Gagdets, Messengern einschliesslich Telegram» sei. Dennoch müsse in der Bildung weitaus mehr getan werden, um der Lernprobleme Herr zu werden.
Mironow zeigt sich als Senior trotz seiner oben geäusserten Kritik mit der Jugend zufrieden und ist bezüglich der Bereitschaft junger Studenten sich freiwillig zum Militärdienst zu melden, positiv überrascht.

Fazit
Sergei Mironow als politisches Urgestein Russlands zu beschreiben ist zutreffend. Seinen Respekt hat er sich hart verdient. Er verfügt nicht nur über fünf Studienabschlüsse auf verschiedenen Gebieten, sondern hat einen grossen Teil seines Lebens dafür eingesetzt, der noch jungen Russischen Föderation seine Unterstützung zukommen zu lassen. Sein Patriotismus ist offensichtlich und er hat sich als Person während seiner langen Politkarriere nie in den Vordergrund gestellt – so etwa anlässlich der Präsidentschaftswahlen im Jahre 2004 als er als Kandidat sagte, «Wir alle wollen Vladimir Putin als nächsten Präsidenten»; eine solche Empfehlung, wenn man selber Kandidat ist, ist bei Politikern tatsächlich selten.
Sergei Mironow ist älter als jeder Bundesparlamentarier in der Schweiz, wirkt aber äussert jung und fit und erfasst sehr schnell den Kern von Gesprächsthemen. Die russische Gesellschaft pflegt eine Tradition, die bereits im antiken Griechenland in die Gesellschaft einging: Der «Rat der Alten».
Auch dem Westen eine ähnliche Achtung vor der Erfahrung gut zu Gesicht. Denn die Alten, vom Leben gegerbten, sie haben mehr gesehen als die Jungen und sind in der Lage einzuordnen, längst Vergangenes mit neuen Ideen zu etwas Neuem zu verbinden.
«Sergei Mironow – eine der führenden Persönlichkeiten Russlands»