Der „chinesische Professor“, der die größten Gatekeeper des Internets getäuscht hat

Der „chinesische Professor“, der die größten Gatekeeper des Internets getäuscht hat

Wie die Elite der alternativen Medien über Nacht ein geopolitisches Orakel schuf – und wie die Geschichte der Beziehungen zwischen Nordkorea und China seine absurde „Kleiner-Bruder“-Theorie entlarvt.
Fr. 04 Sep 2026 23 Leseminuten 1

Es ist geradezu erstaunlich, wie schnell sich ein unbekannter Online-Kommentator zu einer weltweiten Sensation entwickeln kann, wenn leichtgläubige Moderatoren den Weg dafür ebnen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit haben Persönlichkeiten wie Piers Morgan, Tucker Carlson und Mario Nawfal – zusammen mit Dutzenden Millionen ihrer Zuschauer – Jiang Xueqin voll und ganz als akademische Autorität und geopolitisches Orakel anerkannt.

Auf den großen Plattformen weltweit wurde diese unbekannte Persönlichkeit plötzlich als führender Historiker, Meisteranalyst und bisweilen sogar als eine Art moderner Prophet vorgestellt. Doch während dieses kometenhaften Aufstiegs kam kein einziger Moderator auf die Idee, die elementarsten Fragen zu seinen Qualifikationen, seiner Methodik oder seinen außergewöhnlichen Behauptungen zu stellen.

Was uns zu der grundlegendsten, aber völlig vernachlässigten Frage von allen bringt:

Professor für was?

Jiang wurde 1976 in Taishan in der chinesischen Provinz Guangdong geboren und wanderte im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Kanada aus. Er besitzt einen kanadischen Pass und hat an der Yale University einen Abschluss in englischer Literatur erworben – nicht in Geschichte, Geopolitik, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften oder Datenwissenschaft.

Nichts davon macht ihn unintelligent. Auch ein Abschluss in englischer Literatur hindert ihn nicht daran, Meinungen zu Geschichte oder Geopolitik zu vertreten. Aber es wirft eine naheliegende Frage für die Fernseh- und Podcast-Moderatoren auf, die ihn wiederholt als „Professor“ vorstellen: Auf welche akademische Autorität genau berufen sie sich dabei?

Jiang begann seine berufliche Laufbahn als freier Journalist und NGO-Aktivist, bevor er an einer privaten Mittelschule in Peking unterrichtete. Es war ein bescheidener Werdegang. Doch irgendwann auf diesem Weg verwandelte sich „Lehrer“ in den Einführungen prominenter Medienpersönlichkeiten in „Professor“.

Dann kam der Durchbruch

Jiangs wichtigste geopolitische Prognosen für das Jahr 2024 in Bezug auf Donald Trump und internationale Konflikte fanden im Internet enorme Resonanz und machten ihn von einem unbekannten Kommentator zu einem viralen Internetphänomen.

Angesichts Trumps äußerst populärer Wahlversprechen, die verhassten „ewigen Kriege“ zu beenden und eine angeschlagene Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, die zig Millionen Amerikaner in die Armut gestürzt hatte, war die Vorhersage seines Wahlsiegs kaum eine monumentale Leistung (es wäre weitaus schwieriger gewesen, vorherzusagen, dass er jedes einzelne dieser Versprechen nach seinem Amtsantritt brechen würde). Ungeachtet dessen erlebte Jiangs YouTube-Kanal in der Folge einen explosionsartigen Anstieg und überschritt schnell die Marke von zwei Millionen Abonnenten.

Das Ergebnis war ein dramatischer Karrierewandel. Jiang gab seine traditionelle Rolle als Dozent auf und konzentrierte sich fast ausschließlich auf die Medien: Er produzierte Predictive History, schrieb, trat in Podcasts auf und nahm an immer hochkarätigeren Studiointerviews mit Persönlichkeiten wie Alex Jones, Max Blumenthal, Mario Nawfal, Tucker Carlson und Piers Morgan teil.

Der Wandel war bemerkenswert – nicht nur, weil sein Publikum so rasant wuchs, sondern auch, weil seine wahrgenommene Autorität damit wuchs.

Ein ehemaliger Lehrer war zu einem „Professor“, einem geopolitischen Analysten, einem „Forscher“ und schließlich zu so etwas wie einem Orakel für das Weltgeschehen geworden. Alex Jones beispielsweise hat Jiang als „führenden chinesischen Forscher“ vorgestellt.

Doch das wirft eine weitere unangenehme Frage auf: Forscher auf welchem Gebiet – und auf welcher Grundlage?

Alex Jones stellte Jiang Xueqin in seiner Sendung wiederholt als „führenden chinesischen Forscher“ vor. Das Problem bei dieser Darstellung ist, dass in Chinas tatsächlichen akademischen und öffentlichen Kreisen kein solcher führender Forscher bekannt ist. (Screenshot X)

Diese Unterscheidung ist wichtig, da Jiangs Autorität nicht allein auf seiner Kommunikationsfähigkeit beruht. Sie beruht vielmehr auf dem Eindruck, über spezielle akademische Fachkenntnisse zu verfügen.

Und offenbar hielten es nur wenige der Moderatoren, die ihm diese Autorität zuschrieben, für notwendig, inne zu halten und die grundlegendste Frage zu stellen:

Was genau ist eigentlich sein Fachgebiet als Professor?

Die Inszenierung akademischer Autorität

Jiangs YouTube-Projekt Predictive History präsentiert sich mit vielen der visuellen und rhetorischen Konventionen der akademischen Welt: Vorlesungen, Hörsäle, Studierende, Diagramme und ein autoritärer Dozent, der vermeintlich komplexe Geschichtstheorien erläutert.

Doch der Schein trügt.

Die zentrale Frage ist, ob diese Produktionen echte akademische Lehre und Forschung darstellen – oder ob das Umfeld eines Hörsaals in erster Linie als Requisite zur Schaffung intellektueller Autorität genutzt wird.

Diese Unterscheidung ist von Bedeutung.

Ein Mensch wird nicht zum Historiker, nur weil er vor einer Klasse steht. Eine mathematische Formel wird nicht zum Vorhersagemodell, nur weil sie auf einer Tafel steht. Und eine Aussage über Geschichte wird nicht zur wissenschaftlichen Arbeit, nur weil sie im Tonfall einer Universitätsvorlesung vorgetragen wird.

Doch genau diesen Eindruck erweckt es, wenn namhafte Medienpersönlichkeiten Jiang wiederholt als „Professor“ ansprechen, ohne zu klären, welche akademische Position er tatsächlich innehat oder welche wissenschaftlichen Arbeiten seine Behauptungen stützen.

Was passiert, wenn man die Behauptungen genauer unter die Lupe nimmt?

Das Problem wird noch wesentlich gravierender, wenn man sich einige von Jiangs außergewöhnlichen Behauptungen genauer ansieht.

Er hat Themen wie die Evolution, die römische Geschichte und den Holocaust als „Unsinn“ abgetan, während er Verschwörungstheorien wie Pizzagate und Behauptungen, die Mondlandungen seien inszeniert gewesen, unterstützt.

Hier handelt es sich nicht um geringfügige Meinungsverschiedenheiten unter Historikern. Es sind weitreichende Behauptungen, die umfassende Beweise erfordern.

Wo sind diese?

Anstelle einer systematischen Recherche anhand von Primärquellen, begutachteter wissenschaftlicher Literatur und einer transparenten Methodik stützen sich Jiangs Darstellungen hauptsächlich auf Material aus dem Internet, Anekdoten und ausgefeilte Erzählungen, die den Anschein von Erklärungskraft erwecken können, ohne diese notwendigerweise zu belegen.

Und das führt zu der vielleicht wichtigsten Frage von allen: Wie sieht die Methodik hinter „Predictive History“ genau aus – und kann irgendjemand ihre Vorhersagen unabhängig reproduzieren?

Das Problem der „Psychohistorie“

Jiang sagt, er wende die mathematische Spieltheorie und die „Psychohistorie“ an, einen Begriff, den er aus Isaac Asimovs Science-Fiction-Romanen entlehnt hat.

Das sollte sofort Skepsis wecken. Asimovs Psychohistorie ist fiktiv. Es handelt sich um ein literarisches Mittel, das auf der Idee basiert, dass das statistische Verhalten riesiger Bevölkerungsgruppen mathematisch vorhergesagt werden kann. Die Sozialwissenschaften in der realen Welt sind weitaus weniger einfach zu handhaben.

Sollte Jiang eine echte Vorhersagemethode entwickelt haben, ist Spott nicht die angemessene Reaktion. Vielmehr muss man das einfordern, was von jedem seriösen Vorhersagemodell erwartet wird:

Zeigen Sie uns die Gleichungen. Zeigen Sie uns die Annahmen. Zeigen Sie uns den historischen Datensatz. Zeigen Sie uns die Vorhersagen, die vor dem Eintreten der Ereignisse getroffen wurden. Zeigen Sie uns sowohl die Fehlschläge als auch die Erfolge. Und ermöglichen Sie es unabhängigen Forschern, das Modell zu überprüfen.

So unterscheidet die Wissenschaft ein Modell von einer Geschichte. Kritiker, darunter Triple Ampersand, haben argumentiert, dass Jiangs angeblich ausgefeilte Vorhersagen stark auf öffentlich zugänglichen politischen Wettmärkten wie Polymarket beruhen. Sollte diese Kritik zutreffen, ergibt sich daraus eine naheliegende Frage:

Sagt Jiang tatsächlich Ereignisse voraus – oder verpackt er lediglich Informationen neu, die der Markt bereits in seine Kursnotierungen einkalkuliert hat?

Die Trump-Vorhersage – und das Problem des rückblickenden Genies

Ein Großteil von Jiangs Ruf beruht auf Vorhersagen zum Sieg Donald Trumps im Jahr 2024 und dem darauf folgenden Konflikt zwischen den USA und dem Iran.

Doch die Vorhersage eines einzigen bedeutenden Ereignisses macht noch keine Vorhersagewissenschaft aus. Im Internet wimmelt es von Menschen, die eine spektakulär zutreffende Vorhersage getroffen und anschließend eine ganze Marke darauf aufgebaut haben.

Der wahre Test ist der systematische Ansatz.

Wie viele Vorhersagen wurden getroffen?

Wann wurden sie getroffen?

Wurden sie öffentlich festgehalten, bevor das Ergebnis bekannt war?

Wie viele waren falsch?

Wurden fehlgeschlagene Vorhersagen gelöscht, stillschweigend aufgegeben oder nachträglich umgeschrieben?

Und das Wichtigste:

Kann ein unabhängiger Beobachter die historische Genauigkeit von Jiangs Darstellungen beurteilen, ohne sich auf Jiangs eigene Schilderung seiner Erfolge zu stützen?

Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, läuft „Psychohistorie“ Gefahr, weniger wie eine wissenschaftliche Disziplin und eher wie ein Marketingbegriff zu klingen.

Und dann ist da noch der Iran

Jiang ist noch wesentlich weiter gegangen und hat vorausgesagt, dass die Vereinigten Staaten letztendlich einen umfassenden Krieg gegen den Iran führen werden, der eine Bodeninvasion und den Einsatz von Hunderttausenden amerikanischer Soldaten beinhalten wird.

Das ist eine außergewöhnliche Vorhersage. Sie verdient daher eine außergewöhnlich gründliche Prüfung.

Wie würde ein solcher Krieg konkret ablaufen?

Woher kämen die Truppen?

Wie würden sie transportiert und versorgt werden?

Wie könnten die Vereinigten Staaten eine solche Operation politisch und finanziell aufrechterhalten?

Wie soll mit dem Widerstand der amerikanischen Öffentlichkeit gegen einen langwierigen Bodenkrieg umgegangen werden?

Was passiert, wenn die militärische Logistik zusammenbricht, Waffensysteme und Munitionsvorräte auf ein kritisches Niveau sinken oder vollständig aufgebraucht sind – wie bereits in den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten zu beobachten war – und die Wiederauffüllung Jahre oder sogar Jahrzehnte dauert, weil China der amerikanischen Rüstungsindustrie wichtige Komponenten vorenthält? Was passiert, wenn es nicht gelingt, genügend Soldaten zu rekrutieren, und dieser Mangel mit einer ohnehin schon enormen Schuldenlast und einem instabilen Anleihemarkt kollidiert – allesamt klar vorhersehbare Entwicklungen?

Eine geopolitische Prognose ist nicht allein deshalb stichhaltig, weil sie dramatisch klingt.

Sie muss sich im Zusammenhalt mit der Realität bewähren.

Und genau in der Realität verlieren viele großangelegte geopolitische Erzählungen erheblich an Eindruck – oder wirken schlichtweg lächerlich.

Die publikumsadaptive Erzählung

Das vielleicht aufschlussreichste Merkmal von Jiangs kometenhaftem Aufstieg in den Medien ist nicht eine bestimmte Vorhersage.

Es ist vielmehr die Art und Weise, wie effektiv sich die Erzählung offenbar an das jeweilige Publikum anpasst.

Für ein Publikum, das den Vereinigten Staaten feindlich gesinnt ist, betont er den unvermeidlichen und katastrophalen Zusammenbruch des amerikanischen Imperiums.

Für ein Publikum, das davon überzeugt ist, dass „China schlecht ist“, betont er den unvermeidlichen Zusammenbruch der angeblich inkompetenten Diktatur Chinas und die Überlegenheit der westlichen Demokratie nach amerikanischem Vorbild.

Für ein Publikum, das Russland zutiefst feindlich gesinnt ist, liefert er eine weitere bequeme Schlussfolgerung: Russland habe den Krieg in der Ukraine bereits verloren.

Unterschiedliche Zielgruppen. Unterschiedliche Feinde. Unterschiedliche Schwerpunkte.

Und doch lassen sich diese Widersprüche, ähnlich wie die wechselnden Erzählungen eines Lügners, irgendwann nicht mehr ignorieren: Jiang hat China als Diktatur bezeichnet und gleichzeitig argumentiert, dass dessen „Diktator“, Xi Jinping, keine wirkliche Macht ausübe.

Was trifft nun zu? Wird China von Xi kontrolliert, oder ist Xi lediglich eine Marionette? Oder wird China tatsächlich von einer anderen Elite regiert – vielleicht, wie Jiang bei anderen Gelegenheiten behauptet hat, von im Westen ansässigen chinesischen Staatsangehörigen, die an Ivy-League-Universitäten ausgebildet wurden?

Das sind keine trivialen Unterscheidungen. Sie verändern die gesamte Prämisse seiner Erklärung grundlegend.

Der größte historische blinde Fleck in Jiang Xueqins „Kleiner Bruder“-Theorie

Vielleicht wird die Schwäche von Jiangs geopolitischem Rahmen nirgendwo deutlicher als in seiner Charakterisierung Nordkoreas als im Wesentlichen Chinas „kleiner Bruder“ – ein untergeordneter Staat, der letztendlich tut, was Peking ihm vorschreibt.

China verfügt zweifellos über enormen Einfluss auf Nordkorea.

Das ist unumstritten.

Die Frage ist, ob Einfluss gleichbedeutend mit Kontrolle ist.

Die historischen Aufzeichnungen deuten auf eine wesentlich kompliziertere Situation hin.

Die Analogie der „kleinen braunen Brüder“

Jiangs Charakterisierung als „kleiner Bruder“ wirft noch ein weiteres Problem auf: Sie scheint die alte koloniale Beschreibung der Filipinos als Amerikas „kleine braune Brüder“ widerzuspiegeln.

Diese Analogie ist historisch belastet. Der Ausdruck entstand im Zusammenhang mit den kolonialen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu den Philippinen und wurde verwendet, um die Filipinos als vermeintlich unreife Menschen darzustellen, die amerikanischer Vormundschaft und Aufsicht bedürfen.

Jiang scheint dieses hierarchische Konzept auf die Beziehungen zwischen China und Nordkorea zu übertragen: China wird zum mächtigen älteren Bruder, während Nordkorea als der problematische jüngere Bruder dargestellt wird, dessen Verhalten letztlich von Peking bestimmt wird.

Doch genau hier hinkt der Vergleich. Nordkorea ist nicht mit den Philippinen unter amerikanischer Kolonialherrschaft zu vergleichen, und China übt nicht die Art formeller kolonialer Souveränität aus, wie sie Washington über die Philippinen ausübte.

Noch wichtiger ist, dass die historischen Fakten nicht dafür sprechen, Pjöngjang als gehorsamen Untergebenen zu behandeln.

Das Problem besteht nicht nur darin, dass Jiang eine unglückliche Metapher verwendet. Es liegt vielmehr darin, dass diese Metapher offenbar eine ganze politische Annahme in die Analyse einschleust:

Da China weitaus mächtiger ist als Nordkorea, muss Nordkorea letztendlich unter Chinas Kontrolle stehen.

Das folgt daraus nicht. Machtasymmetrie ist nicht dasselbe wie politische Unterwerfung.

Tatsächlich deutet die Geschichte Nordkoreas eher auf das Gegenteil hin. Sein Führer Kim Il-sung nutzte wiederholt den Wettbewerb zwischen größeren Mächten aus, gerade weil er verstand, dass die Abhängigkeit von einem einzigen Schutzherrn die Autonomie Nordkoreas gefährden könnte.

Wenn Jiang bewusst auf das Konzept der „kleinen braunen Brüder“ zurückgreift, sollte er erklären, warum eine Metapher, die entwickelt wurde, um eine koloniale Hierarchie zu beschreiben, ein geeignetes Modell für die Beziehung zwischen zwei souveränen Staaten ist, die seit Jahrzehnten von gegenseitigem Misstrauen, strategischer Manipulation und konkurrierenden Interessen geprägt sind. Andernfalls vereinfacht die Analogie die Geschichte nicht nur. Sie legt die Schlussfolgerung fest, noch bevor die Beweise geprüft wurden.

Kim Il-sungs Balanceakt zwischen den Großmächten

Der chinesisch-sowjetische Bruch bot eine außergewöhnliche Chance.

Als sich die Beziehungen zwischen dem China unter Mao Zedong und der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow aufgrund von ideologischen und strategischen Differenzen, den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und der Führungsrolle in der kommunistischen Welt verschlechterten, erkannte Kim Il-sung, dass die Schwäche Nordkoreas tatsächlich zu einem Druckmittel werden könnte.

Er wollte kein Satellitenstaat Moskaus werden. Er wollte aber auch kein Satellitenstaat Pekings werden.

Stattdessen versuchte Pjöngjang, gegenüber beiden Seiten genügend Unabhängigkeit zu wahren, um von beiden Unterstützung zu erhalten.

Wenn der Druck aus der Sowjetunion zu groß wurde, konnte Kim die Beziehungen Nordkoreas zu China betonen. Wenn Peking unzufrieden war, stand Moskau weiterhin zur Verfügung.

Das Ziel bestand nicht darin, zu jedem Zeitpunkt vollkommen gleich weit entfernt zu bleiben.

Es ging vielmehr darum, sicherzustellen, dass keine der Großmächte die entscheidende Kontrolle über Nordkorea erlangte.

Kim verstand ein einfaches Prinzip der Großmachtpolitik:

Wenn Peking befürchtete, Pjöngjang könnte sich Moskau annähern, hatte Peking einen Anreiz, Pjöngjang zu unterstützen.

Falls Moskau befürchtete, dass Pjöngjang sich in Richtung Peking orientieren könnte, hatte Moskau einen Anreiz, Pjöngjang zu unterstützen.

Nordkorea konnte daher die Angst vor einem Einflussverlust als Druckmittel nutzen. Das ist kaum das Verhalten einer passiven Spielfigur.

Die außergewöhnlichen Beweise von 1961

Eines der deutlichsten Beispiele dafür ereignete sich im Juli 1961. Innerhalb weniger Tage unterzeichnete Nordkorea wichtige Sicherheitsverträge mit beiden kommunistischen Großmächten.

Am 6. Juli unterzeichneten die Sowjetunion und Nordkorea in Moskau den Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Beistand.

Fünf Tage später, am 11. Juli, reiste Kim Il-sung nach Peking und unterzeichnete dort einen entsprechenden Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Beistand mit China.

Beide Abkommen enthielten Bestimmungen zur gegenseitigen Unterstützung im Falle eines bewaffneten Angriffs.

Man stelle sich vor, was das bedeutete.

Genau in dem Moment, als Moskau und Peking auf eine immer erbittertere Konfrontation zusteuerten, gelang es Kim Il-sung, Sicherheitszusagen von beiden zu erhalten.

Er wählte nicht einen einzigen Schutzherrn aus und unterwarf sich diesem. Er positionierte Nordkorea zwischen zwei rivalisierenden Mächten und zog Nutzen aus dieser Rivalität.

Das ist kein Beweis für ein Land ohne geopolitische Handlungsfähigkeit. Es ist der Beweis dafür, dass ein kleiner Staat seine Verhandlungsmacht gegenüber viel größeren Staaten bewusst maximiert.

Unterstützung von beiden Seiten erhalten

Diese Strategie ging über den militärischen Schutz hinaus. Die Sowjetunion leistete umfangreiche industrielle, technologische, wissenschaftliche und militärische Hilfe. Das sowjetische Engagement trug auch zum Aufbau der frühen nuklearen Infrastruktur Nordkoreas bei.

China blieb unterdessen eine wichtige Quelle für Nahrungsmittel, Rohstoffe, Konsumgüter und sonstige wirtschaftliche Hilfe.

Pjöngjang konnte daher die eine Beziehung gegen die andere ausspielen. Wenn Moskau Schwierigkeiten bereitete, gewann Peking an Bedeutung. Wenn Peking Schwierigkeiten bereitete, gewann Moskau an Bedeutung. Nordkorea brauchte keine der beiden Supermächte, damit diese es liebten.

Es brauchte beide, damit sie befürchteten, es zu verlieren.

Bei den Säuberungen ging es auch um die Abhängigkeit vom Ausland

Die innenpolitische Geschichte macht die Bezeichnung „chinesischer kleiner Bruder“ noch problematischer.

In der frühen Arbeiterpartei Koreas gab es rivalisierende Fraktionen, die mit verschiedenen ausländischen Mächten verbunden waren, darunter sowjetfreundliche Elemente und die mit China verbundene Yan’an-Fraktion.

Kim Il-sung ging schließlich gegen beide vor.

Die zunehmende chinesisch-sowjetische Konfrontation trug dazu bei, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kim innenpolitische Rivalen als von ausländischen Mächten beeinflusste Fraktionen oder „Handlanger“ darstellen konnte.

Die daraus resultierenden Säuberungsaktionen beseitigten rivalisierende politische Machtzentren und trugen dazu bei, die Position von Kim und der ihm loyalen Gruppe zu festigen. Dies gipfelte schließlich in der ideologischen Betonung von Juche und politischer Unabhängigkeit.

Hier liegt eine wichtige Ironie vor.

Das politische System, das Jiang als grundsätzlich China untergeordnet darstellt, wurde vorwiegend nach dem Grundsatz aufgebaut, dass Nordkorea niemals einer ausländischen Macht untergeordnet sein darf.

Das bedeutet nicht, dass die Juche-Ideologie und -Politik Nordkorea in jeder praktischen Hinsicht wirklich unabhängig gemacht hätten.

Es bedeutet jedoch, dass die historische Entwicklung des nordkoreanischen Staates sich nicht mit einem simplen Herr-und-Knecht-Modell in Einklang bringen lässt.

Ein kleiner Staat kann über unverhältnismäßig großen Einfluss verfügen

Die spätere Geschichte Nordkoreas untermauert diese These. Pjöngjang hat wiederholt vier Merkmale gezeigt:

  • Strategische Autonomie: Nordkorea hat es vermieden, vollständig von einer einzelnen Großmacht abhängig zu werden.

  • Ausgleichsdiplomatie: Nordkorea hat den Wettbewerb zwischen den Großmächten genutzt, um seinen Handlungsspielraum zu erweitern.

  • Asymmetrische Einflussmöglichkeiten: Chinas weitaus größere wirtschaftliche und militärische Macht beseitigt nicht die Schwachstellen, mit denen Peking selbst im Umgang mit Pjöngjang konfrontiert ist.

  • Strategischer Opportunismus: Wenn sich das internationale Umfeld verändert, sucht Nordkorea nach anderen Schutzmächten, alternativen Hilfsquellen und neuen Möglichkeiten, Vorteile zu erzielen.

Damit steht Nordkorea zwar nicht auf gleicher Augenhöhe mit China, doch macht dies ihre Beziehung weitaus differenzierter, als es die typische Karikatur vermuten lässt.

Ein schwacher Staat kann in hohem Maße von einem stärkeren Staat abhängig sein und dennoch über eine bedeutende Handlungsfähigkeit verfügen. Tatsächlich kann asymmetrische Abhängigkeit der schwächeren Partei manchmal sogar Einfluss verschaffen – gerade weil die stärkere Partei bei bestimmten Ausgangssituationen mehr zu verlieren hat.

China braucht Stabilität an seiner Grenze

China will keine außer Kontrolle geratene Atomkrise. China will keinen plötzlichen Zusammenbruch Nordkoreas, der Millionen von Flüchtlingen zur Folge hätte. Und China will kein vereintes Korea, das militärisch mit den Vereinigten Staaten verbündet ist und plötzlich an seiner Grenze auftaucht.

Pjöngjang weiß das.

Und dieses Wissen ist an sich schon eine Quelle der Macht.

Das Muster endete nicht mit dem Kalten Krieg

Die gleiche strategische Logik zeigt sich erneut in den Beziehungen zwischen Nordkorea und Russland. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine rückte die Regierung von Kim Jong-un deutlich näher an Wladimir Putins Russland heran. In der Folge vertieften die beiden Länder ihre militärischen Beziehungen und gingen eine formelle strategische Partnerschaft ein.

Auch hier reagierte Pjöngjang auf ein sich wandelndes internationales System. Russland brauchte Partner. Nordkorea brauchte wirtschaftliche und diplomatische Unterstützung. Beide hatten Gründe, die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen auszunutzen. Der wichtige Punkt ist nicht, dass Russland China als neuen „Chef“ Nordkoreas abgelöst hat.

Während des Kalten Krieges pflegte Nordkorea aggressiv Bündnisse außerhalb Chinas und der Sowjetunion, gerade um internationale Legitimität zu erlangen und seine Abhängigkeit von Moskau und Peking zu verringern. Pjöngjang war besonders in Afrika aktiv und stellte Befreiungsbewegungen sowie neu unabhängigen Staaten wie Simbabwe und Guinea-Bissau Infrastrukturhilfe, Waffen und Guerilla-Ausbildung zur Verfügung. Außerdem schmiedete es enge antiamerikanische Partnerschaften mit Kuba, dem Iran, Syrien und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und versorgte diese mit Waffen.

Kurz gesagt: Nordkorea hat wiederholt versucht, vielfältige Beziehungen nach außen zu knüpfen, gerade um nicht vollständig von einem einzigen Gönner abhängig zu werden.

Warum das „Gangster-und-Handlanger“-Modell zu kurz greift

An dieser Stelle wird Jiangs Formulierung – die China als „Gangster“ oder „Mafiaboss“ darstellt, der einem Handlanger oder „kleinen Bruder“ Bedingungen diktiert – problematisch. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Peking Einfluss auf Pjöngjang ausüben kann; das kann es zweifellos.

China kontrolliert den Fluss entscheidender wirtschaftlicher Hilfe, übt immensen diplomatischen Einfluss aus und prägt zum Teil das strategische Umfeld Nordkoreas. Seine wirtschaftlichen und militärischen Vorteile sind überwältigend.

Keine dieser Tatsachen beweist jedoch, dass Peking einfach zum Telefon greifen und Pjöngjang befehlen kann, einen Krieg zu beginnen. Das ist eine weitaus kühnerere Behauptung – eine, die weitaus stichhaltigere Beweise erfordert.

Die tatsächlichen Verhältnisse sind wesentlich komplizierter. Nordkorea ist auf China angewiesen, fürchtet jedoch eine chinesische Vorherrschaft. Peking ist auf Nordkorea als Puffer angewiesen, fürchtet jedoch die Folgen politischer Instabilität in Pjöngjang. Während Nordkorea zudem aktiv sowohl um russische als auch um chinesische Unterstützung wirbt, stehen Moskau und Peking ebenso sehr im Wettbewerb wie in der Zusammenarbeit.

Und Pjöngjang hat wiederholt gezeigt, dass es bereit ist, die Widersprüche zwischen den Großmächten auszunutzen, um seine eigene strategische Handlungsfreiheit zu bewahren.

Das ist keine einfache Hierarchie von Herr und Diener. Es handelt sich um asymmetrische Interdependenz.

Jiang reduziert diese komplizierte Geschichte – geprägt von wechselnden Allianzen, Nationalismus, strategischer Täuschung, konkurrierenden Interessen und schwächeren Staaten, die stärkere in Schach halten – auf eine Gangstergeschichte, in der der Boss einen Befehl erteilt und der Untergebene gehorcht.

Das sorgt für fesselndes Fernsehen und YouTube-Shows und etabliert ihn als begabten Autor von Belletristik. Als Geschichtsdarstellung überzeugt sie jedoch nicht.

Eine persönliche Beobachtung

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen aus erster Hand fällt es mir besonders schwer, Jiangs Charakterisierung zu akzeptieren.

Da ich mit Nordkoreanern gelebt und gearbeitet habe – und sogar gemeinsam mit ihnen nach China gereist bin –, fiel mir auf, wie stark sie sich als Koreaner identifizieren und wie deutlich sie sich von den Chinesen abgrenzen.

Felix Abt traf mit einem Team aus nordkoreanischen Mitarbeitern aus den Bereichen Produktion, Qualitätssicherung und Marketing am internationalen Flughafen Shanghai-Hongqiao ein, um eine Geschäftsreise in China zu unternehmen. Die Koreaner zeigten sich im Umgang mit ihren chinesischen Gesprächspartnern kompetent und selbstbewusst. Als überzeugte Patrioten hätten sie es als große Beleidigung empfunden, wenn man sie herablassend als die „kleinen Schwestern“ der Chinesen bezeichnet hätte (Foto: Felix Abt).

Sie sind sehr stolz auf ihre nationale Identität und betrachten China meiner Erfahrung nach oft mit großem Misstrauen, wenn nicht gar mit offener Verachtung.

Persönliche Erfahrungen sind kein Ersatz für systematische Forschung. Aber sie decken einen blinden Fleck in vereinfachenden geopolitischen Modellen auf: Nordkoreaner sehen sich selbst nicht so, wie ausländische Strategen sie sehen.

Sie einfach als Chinas „kleine Brüder“ darzustellen, übersieht den Nationalismus, das historische Gedächtnis, das Misstrauen gegenüber ausländischer Vorherrschaft und den starken Wunsch nach Autonomie, die die nordkoreanische politische Kultur seit Jahrzehnten prägen.

Die Beziehung zwischen Peking und Pjöngjang lässt sich daher besser als ein kompliziertes Verhältnis zwischen zwei Staaten verstehen, die einander brauchen, einander misstrauen, einander manipulieren und ständig versuchen, ihren eigenen Handlungsspielraum zu maximieren.

Und das wirft weitaus interessantere Fragen auf als: „Was wird China Nordkorea befehlen?“

Die aufschlussreicheren Fragen lauten:

  • Wie beurteilten Mao und Chruschtschow hinter verschlossenen Türen Kim Il-sungs Strategie des Ausbalancierens?

  • Wie verärgert waren Peking und Moskau, als Kim versuchte, von beiden Seiten Zugeständnisse zu erwirken?

  • Wie hat Pjöngjang den „August-Fraktionskonflikt“ von 1956 trotz Herausforderungen sowohl durch pro-sowjetische als auch durch pro-chinesische Kräfte überstanden?

  • Wie hat Nordkorea die Rivalität zwischen China, Russland und den Vereinigten Staaten wiederholt ausgenutzt?

  • Und vor allem: Wie viel Einfluss besitzt China tatsächlich, wenn das von Peking bevorzugte Ergebnis im Widerspruch zu den eigenen Interessen Pjöngjangs steht?

Diese Fragen führen nicht zu einer simplen geopolitischen Moralgeschichte. Sie führen zu etwas viel Interessanterem:

Einem kleinen Staat, der wiederholt eine außergewöhnliche Fähigkeit bewiesen hat, die Rivalitäten weitaus größerer Mächte zu manipulieren.

Und diese Geschichte sollte jeden dazu veranlassen, vorsichtig zu sein, wenn es darum geht, Nordkorea auf Chinas gehorsamen „kleinen Bruder“ zu reduzieren.

Die Korruptionsbehauptung

Jiang hat zudem pauschale Behauptungen über Korruption in China aufgestellt und das Land als „das korrupteste Land der Welt“ dargestellt.

Doch pauschale Behauptungen erfordern vergleichende Belege.

Ich habe tatsächlich weltweit Geschäfte getätigt, auch in China. Jiang hat keine vergleichbare internationale Geschäftskarriere aufgebaut. Das spielt eine Rolle, wenn jemand pauschale Schlussfolgerungen darüber zieht, wie eine gesamte Volkswirtschaft – und die Menschen, die in ihr tätig sind – tatsächlich funktioniert.

Außerdem habe ich sieben Jahre lang in Nordkorea gelebt und gearbeitet. Zu dieser Zeit stufte Transparency International Nordkorea als eines der korruptesten Länder der Welt ein. Dennoch habe ich persönlich nie Bestechungsgelder gezahlt.

Beweist das, dass es in Nordkorea keine Korruption gab? Natürlich nicht. Und genau darum geht es.

Meine persönliche Erfahrung ist nur eine Anekdote. Sie kann nicht das Ausmaß der Korruption in einem ganzen Land belegen. Der gleiche Maßstab muss auch für Jiang gelten. Welche Anekdoten oder persönlichen Erfahrungen er auch immer gesammelt haben mag – falls er überhaupt welche hat –, sie allein belegen nicht, dass China „das korrupteste Land der Welt“ ist.

Und wie sieht es in den Vereinigten Staaten aus? Hier wurde Korruption praktisch legalisiert, sodass die Superreichen unbegrenzte Summen ausgeben können, um Politiker, politischen Einfluss und Kontrolle zu kaufen. Es ist so weit gegangen, dass ausländische Lobbygruppen dazu beitragen können, beliebte und patriotische Politiker wie Thomas Massie zu verdrängen und ihn durch eine weitere „Israel-first“-Persönlichkeit zu ersetzen – wie es kürzlich geschehen ist –, inmitten einer großen Mehrheit von Gesetzgebern, die konsequent Israels Agenda vorantreiben, selbst auf Kosten Amerikas. Wie ist es möglich, dass all dies „Professor“ Jiangs Aufmerksamkeit entgangen sein könnte, während er über Chinas Korruption sprach?

Der aktuelle Korruptionswahrnehmungsindex 2025 von Transparency International, der die wahrgenommene Korruption im öffentlichen Sektor misst, stuft Nordkorea mit einer Punktzahl von 15 von 100 auf Platz 172 von 182 Ländern ein. Damit gehört Nordkorea zu den Ländern mit den niedrigsten Werten weltweit – allerdings bemerkenswerterweise nicht zu den zehn am schlechtesten platzierten Ländern.

China erreicht unterdessen 43 Punkte und belegt Platz 76 von 182, was bedeutet, dass es nicht einmal zu den 40 am schlechtesten platzierten Ländern im Index gehört.

Dies verdeutlicht, warum man Rhetorik von Fakten trennen muss. Es besteht ein enormer Unterschied zwischen der Aussage „China hat Korruptionsprobleme“ und der Aussage „China ist das korrupteste Land der Welt“.

Ersteres ist eine Behauptung, die anhand von Belegen überprüft werden kann. Letzteres ist eine vergleichende Aussage über Chinas Position im Verhältnis zu praktisch jedem anderen Land der Welt – und erfordert daher vergleichende Belege. Diese Unterscheidung ist entscheidend.

Wenn Jiang argumentieren will, dass China in einzigartiger oder außergewöhnlicher Weise korrupt ist, besteht die Beweislast nicht darin, ein paar Anekdoten über Bestechung oder behördliches Fehlverhalten anzuführen. Die Beweislast besteht vielmehr darin, mithilfe einer transparenten Methodik zu zeigen, wie China im Vergleich zum Rest der Welt abschneidet.

Und wenn er internationale Korruptionsmessungen als unzureichend abtun will, dann sollte er eine bessere Methodik vorlegen – eine, die unabhängig überprüft und konsistent auf andere Länder angewendet werden kann.

Ansonsten ist „China ist das korrupteste Land der Welt“ keine empirische Schlussfolgerung. Es ist ein Propagandaslogan.

Die wahre Geschichte: Inszenierung statt Überprüfung

Der aufschlussreichste Aspekt des Aufstiegs von Jiang Xueqin ist nicht der Mann selbst – es sind die großen Medienplattformen, die ihm eine Bühne bieten. Wenn Moderatoren wie Tucker Carlson (dessen TCN im Durchschnitt rund 57 Millionen Aufrufe auf Social-Media- und Podcast-Plattformen verzeichnet), Piers Morgan (mit einem aktiven Publikum von etwa 30 Millionen auf verschiedenen Plattformen), Alex Jones (mit rund 4,5 Millionen Followern), Mario Nawfal (der seine Sendung als „größte Show auf X“ bezeichnet) oder Max Blumenthal und The Grayzone (mit mehr als einer Million Followern plattformübergreifend) eine Persönlichkeit wie „Professor“ Jiang in Sendungen einladen, die von Millionen Menschen gesehen werden, sollte eine grundlegende journalistische Sorgfaltspflicht selbstverständlich sein.

Stattdessen sind elementare Fragen völlig in den Hintergrund getreten:

  • Die Qualifikationen: Wie sieht sein tatsächlicher akademischer Hintergrund aus? Warum sollte man einen Absolventen der englischen Literatur als historische Autorität behandeln?

  • Die Wissenschaft: Wo sind seine begutachteten Fachartikel? Lässt sich seine mathematische Methodik unabhängig reproduzieren?

  • Die Erfolgsbilanz: Wie viel Prozent seiner Vorhersagen haben sich als falsch erwiesen? Inwieweit besteht sein „Modell“ lediglich aus neu verpackten Daten aus den Wettmärkten?

Das wirft die Frage auf: Haben diese namhaften Moderatoren seinen Hintergrund überprüft, oder haben sie die Rolle des „Professors“ blind akzeptiert?

Jeder klassische Betrug beruht auf der Bereitschaft des Opfers, einer gut konstruierten Illusion zu glauben. Hier ersetzt der Stil vollständig den Inhalt. Man setzt einen Kommentator vor eine Klasse, gibt ihm einen Filzstift in die Hand, fügt ein paar bedrohlich wirkende geopolitische Diagramme hinzu und lässt ihn von einem prominenten Moderator legitimieren. Sofort gehen Millionen von Menschen davon aus, dass sie einem anerkannten Experten zuhören.

Autorität verdient man sich durch Beweise, sie wird nicht durch einen Titel projiziert. Wenn Jiang tatsächlich die Zukunft entschlüsselt hat, sollte er die Methodik veröffentlichen, die Daten offenlegen und eine Begutachtung durch Fachkollegen einladen. Wenn sein Modell der Prüfung standhält, ist es ein historischer Durchbruch. Wenn es scheitert, ist es nur eine moderne Variante eines alten Betrugs – nichts weiter als eine wunderschön vorgetäuschte Darbietung intellektueller Autorität.

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