Tibet – „Kultureller Völkermord“ oder lebendige Kultur? (Teil III)
Wenn man durch Tibet reist – in die Häuser der Einheimischen geht, Klöster besucht, mit Eltern und Kindern über die Schule spricht und sich mit Bauern, Mönchen und Ärzten unterhält –, gewinnt man einen Eindruck, der im Widerspruch zur vorherrschenden westlichen Darstellung steht. Der Vorwurf des „kulturellen Völkermords“ in Tibet wird so häufig und mit solcher Gewissheit wiederholt, dass es fast unhöflich erscheint, ihn in Frage zu stellen. Doch die Realität vor Ort verlangt genau das.
Dieser dritte Teil erhebt nicht den Anspruch, das letzte Wort zu einem komplexen und politisch brisanten Thema zu sprechen. Er untersucht jedoch, was die Beweislage tatsächlich zeigt – einschließlich einer genauen Lektüre des neuen chinesischen Sprachgesetzes, das kürzlich als Beweis für kulturelle Unterdrückung angeführt wurde, sowie eines vergleichenden Blicks darauf, wie westliche Nationen historisch mit ihren eigenen Minderheitensprachen umgegangen sind.
Der Vorwurf des „kulturellen Völkermords“: Was bedeutet er eigentlich?
Der Begriff „kultureller Völkermord“ hat enormes moralisches Gewicht. Er impliziert eine systematische, absichtliche Kampagne zur Auslöschung der Sprache, Religion, Traditionen und Identität eines Volkes. Auf Tibet angewendet, ist er zu einem festen Bestandteil des westlichen Menschenrechtsdiskurses geworden und wird von Regierungen, NGOs und Medienorganisationen wiederholt, als handele es sich um eine feststehende Tatsache.
Doch die während dieser Reise gesammelten Beobachtungen erzählen eine andere Geschichte. Tibetisch wird auf den Straßen gesprochen, ist an jeder Ladenfront zu sehen, wird in Schulen unterrichtet, in offiziellen Dokumenten verwendet und in einer blühenden Klosterkultur bewahrt, die weiterhin Pilger aus dem ganzen Land anzieht. Die tibetische Medizin wird an einer eigens dafür eingerichteten Universität systematisch weiterentwickelt und kommerzialisiert. Buddhistische Andacht – Kora-Runden, Niederwerfungen, Butterlampenopfer, klösterliche Debatten – wird offen und sichtbar praktiziert, ohne jegliche Anzeichen staatlicher Einmischung. Zweisprachige Kinder gehen an zweisprachigen Schildern vorbei zur Schule.
Dies ist nicht das Bild einer Kultur, die ausgelöscht wird. Es ist vielmehr das Bild einer Kultur im Wandel – wie es bei allen lebendigen Kulturen der Fall ist –, die jedoch ihre wesentliche Lebenskraft bewahrt.
Eine selektive Empörung: Die Fälle Ukraine, Frankreich und Wales
Diejenigen, die am lautesten den Vorwurf des kulturellen Völkermords erheben, sind oft genau dieselben Menschen, die angesichts echter kultureller Unterdrückung anderswo – einschließlich in Ländern, die sie als Verbündete oder Vorbilder betrachten – auffällig schweigen.
Nehmen wir die Ukraine, wo Millionen russischsprachiger Menschen Sprachbeschränkungen ausgesetzt sind, russischsprachige Bücher aus Bibliotheken entfernt wurden, russischsprachige Medien geschlossen wurden und die russisch-orthodoxe Kirche stark eingeschränkt wurde. Dies sind dokumentierte, andauernde Maßnahmen mit messbaren kulturellen Folgen. Sie ziehen nur einen Bruchteil der internationalen Aufmerksamkeit auf sich, die Tibet gewidmet wird.
Oder betrachten wir Frankreich, wo Regionalsprachen wie Baskisch, Elsässisch, Korsisch, Bretonisch und Okzitanisch keinen offiziellen Status haben. Sie sind nach nationalem Recht vom Verwaltungsgebrauch ausgeschlossen und im Unterricht verboten. In der Vergangenheit wurden Schüler sogar gezwungen, eine „Kette der Schande“ zu tragen, wenn sie es wagten, in der Schule ihre Muttersprache zu sprechen.
Eine ähnliche Praxis gab es einst im Vereinigten Königreich: In Wales setzten die Schulen das „Welsh Not“ durch, ein hölzernes Plättchen, das einem Kind um den Hals gehängt wurde, wenn es beim Sprechen von Walisisch erwischt wurde. Das Kind, das es am Ende des Schultages trug, wurde bestraft. Dies sind keine weit zurückliegenden mittelalterlichen Praktiken; sie hielten sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.
Frankreichs offizielle Politik des Sprachmords führte zu drastischen Ergebnissen. Laut den eigenen nationalen Statistiken sank der Anteil der Regionalsprachen wie Korsisch und Bretonisch, die in lokalen Familien gesprochen wurden, von 70–80 % am Ende des Ersten Weltkriegs auf unter 10 % gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Selbst im Elsass – historisch gesehen die widerstandsfähigste Region – sank die Weitergabe des Elsässischen von Generation zu Generation innerhalb von zwei Generationen von etwa 70 % auf nur noch 18 %. Keine westliche Regierung wurde wegen dieser Ergebnisse des kulturellen Völkermords beschuldigt.
„The Economist“ und die Kunst des Framing: Eine Fallstudie
„The Economist“ behauptete kürzlich, ein neues chinesisches Gesetz unterdrücke 55 ethnische Minderheiten. Dies ist ein klassisches Beispiel für die Art von Framing, die seit langem einen Großteil der China-Berichterstattung der westlichen Mainstream-Medien prägt. Seit fast zwei Jahrzehnten warnt das Magazin – Jahr für Jahr – davor, dass Chinas Wirtschaft ständig am Rande des Zusammenbruchs stehe. Dieser Zusammenbruch ist jedoch noch nicht eingetreten. Das Framing des Sprachgesetzes folgt einem ähnlichen Muster: Alarmismus ohne Substanz.

Betrachten wir einmal die tatsächliche Rechtslage.
China unternimmt bereits mehr zum Schutz von Minderheitensprachen als fast jedes westliche Land. Laut einer Umfrage der Nationalen Sprachkommission aus dem Jahr 2017 verfügten nur 30 % der Menschen in Tibet über funktionale Mandarin-Kenntnisse. Tibetisch bleibt für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die vorherrschende Sprache des Alltags. Ähnlich ergab Chinas sechste Volkszählung (2010), dass 85,25 % der ethnischen Mongolen im Alltag weiterhin Mongolisch sprechen.
Man könnte sogar argumentieren, dass China bei der Erhaltung regionaler Sprachen zu gute Arbeit geleistet hat: In einigen Gruppen sprechen viele Menschen nur ihre Regionalsprache und verfügen über begrenzte oder gar keine Mandarin-Kenntnisse. Genau dieser Realität will das neue Gesetz begegnen.
Was das neue Gesetz tatsächlich besagt
Anstatt sich auf Medienzusammenfassungen zu verlassen, lohnt es sich, die Bestimmungen des Gesetzes direkt zu prüfen. Es folgt eine Punkt-für-Punkt-Analyse.
Erkennt es Minderheitensprachen an und schützt es diese? Ja. Das Gesetz besagt ausdrücklich: „Der Staat respektiert und schützt das Erlernen und den Gebrauch von Minderheitensprachen und -schriften [und] fördert die Regulierung, Standardisierung und Digitalisierung von Minderheitensprachen.“
Verbietet es Minderheitensprachen in Schulen? Nein. Es verlagert den Bildungsschwerpunkt weiter in Richtung Mandarin, indem es landesweit einheitliche Lehrbücher vorschreibt und Mandarin als primäre Unterrichtssprache festlegt. Es schafft jedoch keine Schulen mit Unterricht in Minderheitensprachen (民族语授课学校) ab, die weiterhin mit staatlicher Finanzierung betrieben werden können.
Verbietet es Minderheitensprachen in der Verwaltung? Nein. Artikel 15 schreibt vor, dass dort, wo Gesetze Dokumente in Minderheitensprachen vorschreiben, sowohl die Version in der nationalen Verkehrssprache als auch die Version in der Minderheitensprache bereitgestellt werden müssen.
Verbietet es Minderheitensprachen auf öffentlichen Beschilderungen? Nein. Das Gesetz schreibt vor, dass Mandarin „prominent“ neben den Schriftzeichen der Minderheitensprachen angezeigt werden muss – nicht an deren Stelle.
Untergräbt es die ethnische regionale Autonomie? Nein. Artikel 8 bekräftigt ausdrücklich die „Aufrechterhaltung und Verbesserung des Systems der ethnischen regionalen Autonomie“. Das Gesetz über die regionale ethnische Autonomie von 1984 bleibt in Kraft und bewahrt die lokale Befugnis, den örtlichen Gegebenheiten angepasste Vorschriften zu erlassen.
Das neue Gesetz fördert Mandarin als gemeinsame Landessprache – etwas, das für jeden souveränen Staat völlig normal ist. Was es nicht tut, ist, 55 ethnische Gruppen zu beseitigen oder zu unterdrücken. Diese Darstellung ist keine Analyse; es ist Propaganda.
Projektion und die Politik der Anschuldigung
Tatsächliche kulturelle Unterdrückung sieht so aus, als würde man einem Kind einen Holzschuh um den Hals hängen, weil es seine Muttersprache spricht, oder als würde man Bräuche von Minderheiten für verfassungswidrig erklären – beides ist historisch gesehen in westlichen Nationen vorgekommen. Im Gegensatz dazu löscht ein rechtlicher Rahmen, der die Erhaltung von Minderheitensprachen finanziert, Schulen mit Minderheitensprachen als Unterrichtssprache unterstützt und zweisprachige amtliche Dokumente vorschreibt, keine Kultur aus. Dies gilt insbesondere dann, wenn er im Rahmen einer Verfassung – wie beispielsweise Artikel 4 der chinesischen Verfassung – funktioniert, die ethnischen Minderheiten ausdrücklich „die Freiheit garantiert, ihre eigenen gesprochenen und geschriebenen Sprachen zu verwenden und weiterzuentwickeln sowie ihre eigenen Traditionen und Bräuche zu bewahren oder zu reformieren“.
Letztlich erleben wir hier eine Form der Projektion: Kritiker werfen China Handlungen vor, die in vielen Fällen eher auf ihre eigenen historischen oder aktuellen Praktiken zutreffen. Der Vorwurf des kulturellen Völkermords im Falle Tibets ist weniger eine aus Beweisen gezogene Schlussfolgerung als vielmehr eine zu geopolitischen Zwecken konstruierte Erzählung – eine, die der tatsächlichen Komplexität der Geschehnisse vor Ort einen Bärendienst erweist.
— — —
Kontinuität, Erneuerung und das Vermächtnis von Prinzessin Wencheng
Heute pulsiert das Leben wieder in Lhasa und in ganz Tibet. Und in den Gesichtern der Menschen spürt man etwas Kostbares: tiefe Ruhe, stille Würde und eine sanfte Zufriedenheit. Lächelnde Gesichter auf dem Marktplatz. Ein Großvater, der in die Hände klatscht, um seinen kleinen Enkel dazu zu ermutigen, es ihm gleichzutun. Ein Vater, der mit seiner kleinen Tochter auf einem Bein tanzt, während die Nachbarn amüsiert zuschauen.
In dieser Atmosphäre der Kontinuität und Erneuerung könnte man sich an das bleibende Vermächtnis von Prinzessin Wencheng erinnern – die als eine der legendärsten Königinnen Tibets in Erinnerung geblieben ist –, deren Vision von Harmonie, Wohlstand und menschlichem Wohlergehen im langen Bogen der Geschichte ihren stillen Ausdruck zu finden scheint. Ihr Weg war in Wahrheit von tiefgreifenden Konflikten geprägt: Angetrieben von kindlicher Pietät ertrug sie eine brutale, fünftausend Kilometer lange Wanderung über steile Berge und wildes Gelände. Dennoch blieb sie vierzig Jahre lang, nicht weil sie dazu gezwungen war, sondern weil etwas sie dort hielt – etwas, das einer Zugehörigkeit ähnelte.
Vielleicht ist das das ehrlichste Bild von Tibet, das ein Reisender mit nach Hause nehmen kann: nicht das, das zu politischen Zwecken auf beiden Seiten konstruiert wurde, sondern das, das von den Menschen selbst gelebt wird. Lebendige Klöster, Dörfer, die lokale Sprache und eine Frau, die drei Ehemänner hatte – Orte, an denen Kultur nicht bloß bewahrt, geschweige denn unterdrückt, sondern aktiv gelebt wird.
— — —
← Lesen Sie den ersten Teil: Tibet – Eine Geschichte vom tibetischen Reich bis zur Gegenwart
← Lesen Sie den zweiten Teil: Tibet – Ein Reisebericht: Alltag, Glaube und Kultur in Tibet
— — —
Felix Abt ist ein Schweizer Unternehmer und Autor, der in einigen der komplexesten Regionen der Welt gelebt und gearbeitet hat, darunter Afrika, der Nahe Osten, Nordkorea und Vietnam. Er schreibt regelmäßig in seinem Substack-Blog über Geopolitik, Entwicklung und die Kluft zwischen westlichen Narrativen und der Realität vor Ort und veröffentlicht Reiseberichte auf seinem YouTube-Kanal „Lixplore“.
«Tibet – „Kultureller Völkermord“ oder lebendige Kultur? (Teil III)»