Grössenwahn und Verrat
Die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt, ist gross. Bild: Chamberlain links, verkaufte die Tschechoslowakei 1938 in München ohne das Land in die Verhandlungen einzubinden; rechts, Mark Rutte ist daran, als NATO-Generalsekretär einen Teil Grönlands an die Amerikaner zu verschachern.

Grössenwahn und Verrat

Donald Trump sieht sich als der Grösste – für ihn gelten keine Regeln und seit er den Friedensnobelpreis nicht erhalten hat, liebt er den Frieden nicht mehr. Er glaubt Venezuela gebodigt zu haben und wendet sich Grönland zu. Es riecht übel nach Münchner Konferenz 1938
Di. 27 Jan 2026 16

Einleitung

Als 2024 die Frage aufkam, ob man Biden oder Trump zur Wahl empfehlen sollte, waren wir der Auffassung, dass Trump gegenüber Harris die bessere Wahl sei, da ersterer nicht dem deep state angehörte. So unsere Beurteilung. Nur so sei der 3. Weltkrieg zu verhindern. Vielen meiner Kollegen ging es gleich. Die Aussage von Präsident Putin im September 2024, er würde aufgrund der grösseren Berechenbarkeit Harris bevorzugen, könnte in der Zukunft zu einer Weissagung werden, obwohl Sergei Lawrow die Aussage Putins als Witz abtat – aber, jeder Witz hat einen wahren Kern 

Heute wissen wir, dass Donald Trump komplett unberechenbar ist und gefährlich wie Nitroglyzerin. In «Diplomatie auf dem Totenbett – vom Friedenspräsidenten zum Kriegstreiber» machte ich mir im Juni 2025 bereits grösste Sorgen, als Trump mal kurz den Iran bombardierte, um dann nach zwölf Tagen einen Rückzieher zu machen, da er feststellen musste, dass sich der Iran nicht nur wehren konnte, sondern Tel Aviv in Schutt und Asche legte. Ich sagte damals:

«Mit rationalem Denken schreitet man am Totenbett der Diplomatie vorbei direkt auf den Holzweg»
ForumGeopolitica, 15. Juni 2025

Heute würde ich das Wort «Holzweg» durch «Hölle» ersetzen.

Grönland wird verschachert

Der Brief

In einem Brief an den norwegischen Premierminister Jonas Gahr Stoere schrieb Trump am 18. Januar 2026 folgenden Brief:

Reuters
Lieber Jonas,
in Anbetracht der Tatsache, dass Ihr Land beschlossen hat, mir den Friedensnobelpreis für das Stoppen von 8 Kriegen nicht zu verleihen, fühle ich mich nicht mehr verpflichtet, nur an den Frieden zu denken, auch wenn dieser immer im Vordergrund stehen wird, sondern ich kann jetzt darüber nachdenken, was gut und richtig für die Vereinigten Staaten von Amerika ist.
Dänemark kann dieses Land nicht vor Russland oder China schützen, und warum sollten sie überhaupt ein „Eigentumsrecht“ haben? Es gibt keine schriftlichen Dokumente, es ist nur ein Boot, das vor Hunderten von Jahren dort gelandet ist, aber wir hatten auch Boote, die dort gelandet sind. Ich habe mehr für die NATO getan als jeder andere Mensch seit ihrer Gründung, und jetzt sollte die NATO etwas für die Vereinigten Staaten tun. Die Welt ist nicht sicher, wenn wir nicht die vollständige und totale Kontrolle über Grönland haben. Ich danke Ihnen! Präsident DJT
Reuters

Als ich den Brief sah, glaubte ich an Satire, musste dann aber feststellen, dass er real ist – oder Realsatire?

Ob die USA Kontrolle über Grönland erlangen wollen, ist dabei nicht von Belang. Vor knapp 200 Jahren wollten die USA das erste Mal Grönland kaufen und ein beachtlicher Teil der heutigen USA wurde denn auch von den USA gekauft und nicht erobert (Louisiana, Alaska, Neu Mexico etc.). Auch darf man den USA und Trump im Grundsatz nicht verübeln, dass sie danach trachten, weiter Gebiete zu erwerben, um ihre geopolitische Reichweite zu erhöhen – aber hier sind die Mittel kein Handel, sondern ein Kauf der unter militärischer Drohung in die Wege geleitet wird, was unter jedem rechtlichen Gesichtspunkt nicht statthaft ist.

Viel interessanter ist das Vorgehen des amerikanischen Präsidenten. Wenn er schreibt, dass er den Friedensnobelpreis nicht erhalten habe, obwohl er 8 Kriege verhindert habe, ist das – wie so oft bei ihm – nicht wahr.

  1. Israel - Hamas: Die USA war – und ist – Kriegspartei; das Morden geht weiter.

  2. Israel - Iran: Die USA war Kriegspartei und der Grund für das Ende der Angriffe war schlicht und einfach die Tatsache, dass der Iran Israels Infrastruktur und Tel Aviv in Schutt und Asche legte;

  3. Indien - Pakistan: Die Verhandlungen fanden zwischen Indien und Pakistan statt, ohne Beteiligung der USA;

  4. Ruanda und Kongo: Der Waffenstillstand wurde im August 2024 geschlossen und hält nicht. Was Trump mit diesem «Frieden» zu tun haben sollte, bleibt im allein sein Geheimnis;

  5. Thailand – Kambodscha: Am 7. August fanden die Kriegsparteien eine Einigung; Trump versandte am am 26. Juli einen Aufruf «"I am calling the Acting Prime Minister of Thailand, right now, to likewise request a Ceasefire, and END to the War, which is currently raging."» (dt. «„Ich rufe den amtierenden thailändischen Premierminister an, um ihn ebenfalls um einen Waffenstillstand und ein Ende des Krieges zu bitten, der derzeit tobt.“») – mehr war da nicht.

  6. Armenien - Aserbaidschan: Hier vermittelte Trump tatsächlich, jedoch zuallererst im amerikanischen Sinne (Sangesur-Korridor unter amerikanischer Kontrolle), aber der Prozess ist nicht abgeschlossen und die beiden Parteien sind sich nicht einig.

  7. Ägypten - Äthiopien: Da war kein Krieg, sondern ein Streit betreffend Äthiopiens Grand Ethiopian Renaissance Dam; es wurde bis jetzt keine Einigung gefunden;

  8. Serbien - Kosovo: Abgesehen davon, dass die NATO unter Führung der USA Serbien 1990 rechtsgrundlos 86 Tage lang bombardierten, gab es keinen Krieg zwischen Serbien und Kosovo; es fiel kein Schuss. Darauf hingewiesen ruderte das Weisse Haus zurück und berief sich auf Grosstaten Trumps in 2020.

Dass Trump ein Friedensstifter ist, hält somit einer auch nur oberflächlichen Untersuchung nicht stand.

Als kurze Auflockerung lassen wir kurz Jon Stewart zu Wort kommen, der sich – zu Recht – darüber lustig macht, dass Trump nicht einmal die Namen von durch ihn befriedete Länder aussprechen kann.

Wie ein Kleinkind, das wegen schlechten Benehmens kein Dessert bekommen hat, droht er, dass er sich nicht verpflichtet fühle, nur an Frieden zu denken. Das ist lediglich beinahe unglaublich, denn man glaubt dies, weil es von Trump kommt. 

Die Davos-Rede

Bis am 21. Januar sagte Trump, dass, «die Welt nicht sicher [sei], wenn wir nicht die vollständige und totale Kontrolle über Grönland haben.“ – In seiner Davos-Rede vom 21. Januar verkündete er, dass „wir [von der NATO] nie etwas wollten oder nie etwas bekamen“ – alles, was die Vereinigten Staaten wollen ist ein Ort mit dem Namen Grönland. Weiter äusserte er, „Ich muss keine Gewalt anwenden. Ich will keine Gewalt anwenden. Ich werde keine Gewalt anwenden.“ (I don't have to use force. I don't want to use force. I won't use force.)

Präsident Trump, WEF, Davos, 21. Januar 2026

Die Zerlegung wird vorbereitet

Jetzt wird herumgereicht, dass man einen Kompromiss finden würde, einen Teil von Grönland als amerikanisch zu deklarieren, ohne jedoch die dänische Souveränität über ganz Grönland in Frage zu stellen.

Die Strategie von Trump könnte aufzugehen: Er droht mit Krieg, die Europäer organisieren einen Zwergenaufstand, Trump droht mit Strafzöllen, verkündet, dass er keine militärische Gewalt anwenden wird und die Zwerge tun das, was sie am besten können und geben sich mit einem Kompromiss - selbstverständlich auf Kosten Grönlands – zufrieden. Weiter verlautbarte Trump auf True Social: Auf der Grundlage dieses Verständnisses werde ich die Tarife, die am 1. Februar in Kraft treten sollten, nicht einführen. (Based upon this understanding, I will not be imposing the Tariffs that were scheduled to go into effect on February 1st.)

Aaja Chemnitz – Grönländische Parlamentarierin

Aaja Cheminitz seit 2015 Mitglied des Parlaments für Inuit Ataqatigiit in Grönland sieht das anders und steht auf:

“Die Nato hat absolut kein Mandat, über irgendetwas zu verhandeln ohne uns.”
Aaja Cheminitz, 22. Januar 202 

Es riecht nach München 1938

Wir müssen in den Geschichtsbüchern nicht sehr weit zurückblättern, um einen Präzedenzfall für ein solch ungeheuerliches Agieren Dritter zu finden, die ohne Konsultierung des betroffenen Landes, über dieses verfügten: 1938 verrieten die Briten unter Premier Chamberlain und die Franzosen unter Ministerpräsident Daladier die Tschechoslowaken und gaben Adolf Hitler das Sudetenland, um den Krieg zu verhindern. Hitler hielt sich nicht an die Vereinbarung und besetzte den Rest der Tschechei im März 1939 – die Alliierten schritten wiederum nicht ein. Erst am 3. September 1939 – nach dem Überfall auf Polen – reagierten die Briten und Franzosen, griffen die Deutschen jedoch nicht an und überliessen die Polen ihrem Schicksal.

Von links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano. Im Hintergrund (zwischen Hitler und Mussolini) Ribbentrop und Weizsäcker, dann rechts Saint-John Perse. - Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R69173 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=172648767

Beim Essen kommt der Appetit

Ob eine Einigung – besser Verrat – wie skizziert so zustande kommt, weiss ich nicht, aber es würde zu den rückgradlosen Europäern passen. Die Chance, dass sich die Geschichte wiederholt, ist hoch.

Konsequenzen

Donald Trump würde dies weiter anstacheln, das nächste Land zu «befrieden». Wie im Rausch beschrieb er das illegale Kidnapping Maduros als grossartige militärische Leistung unbezwingbarer amerikanischer Streitkräfte.

Diese Aussage kann man nur als Drohung verstehen – gegen die EU, gegen die NATO und gegen Grönland, gegen jedermann.

Das nächste Land wäre wohl der Iran, möglicherweise nach Kuba und Kolumbien. Unser Felix Abt hat in seinem Artikel «Die Architektur einer von feindlichen ausländischen Mächten herbeigeführten Krise» detailliert aufgezeigt, dass die anfänglichen friedlichen Demonstrationen im Iran, welche von westlichen Geheimdiensten in ein Blutbad verwandelt wurden – Maidan lässt grüssen - dazu dienten, einen Regimewechsel im Iran zu provozieren. Der Versuch schlug kläglich fehl. Mit Hilfe der Chinesen und Russen wurde die Kommunikation der Geheimdienste im Iran lahmgelegt. Diese beruhten auf zehntausenden illegal eingeschmuggelten Starlink-Terminals. Der Spuk ist nach Auskunft von Professor Mohammad Marandi vorbei. Dennoch, die Gefahr ist nicht gebannt.

Da Trump bereits jetzt glaubt, dass er mit seinen Streitkräften unbesiegbar sei und ein Verrat an Grönland seine Unbesiegbarkeit noch stärken würde, wäre jeder naiv, der einen Angriff aufgrund der militärischen Chancenlosigkeit ausschliesst.

Adolf Hitler war nach der Eroberung Frankreichs im Sommer 1940 auf demselben Trip. Frankreich, das nach Experten als grösste Militärmacht der Welt galt, streckte nach nur sechs Wochen die Waffen. Kurz darauf – offiziell ab dem 30. Juli 1940 - wurde Barbarossa – der Überfall auf die Sowjetunion – vorbereitet. Als ihm die Logistiker der Wehrmacht mitteilten, dass die Versorgung der Truppen lediglich wenige Wochen aufrechterhalten werden könne, gab sich Hitler selbstbewusst:

«Wir müssen nur die Tür eintreten, und das ganze verrottete Gebäude wird krachend zusammenbrechen»
Adolf Hitler, März 1941

Diese Fehleinschätzung führte zum Untergang von Nazi-Deutschland und zum Tod von 30 Millionen Sowjetbürger. Aufgrund des Rausches, in dem sich Trump befindet, sollte man meines Erachtens nicht ausschliessen, dass Trump sich zu einer solchen Dummheit hinreissen lässt. Nachdem sich die Iraner nach 12 Tagen Krieg dazu überreden liessen, ihre Angriffe auf Israel zu beenden, wäre eine Wiederholung dieses Abenteuers durch Trump wohl das Ende Israels und all der Öl- und Militärinfrastrukturen der Amerikaner im Nahen Osten.

Ablenkungsmanöver

Schliesslich fand ich einen Umstand von Trumps Rede in Davos – es lohnt sich, die gesamte Rede zu hören – äusserst interessant. Die ersten paar Minuten sprach Trump über den «grossartigen» Zustand der amerikanischen Wirtschaft: Jede Aussage, die er machte, war eine komplette Lüge. Wir brauchen an dieser Stelle nicht auf die Details einzugehen – Trump stellte die Situation der Wirtschaft und die Situation auf den Finanzmärkten dermassen falsch dar, dass man nicht einmal mehr von Schönfärberei sprechen kann.

Ich habe meine Skepsis zum Zustand der westlichen Finanzmärkte seit vielen Monaten immer wieder festgehalten und eine Tendenz ist klar ersichtlich: Die Situation verschlimmert sich täglich. Ein Hinweis dafür ist die beinahe explosionsartige Verteuerung der Edelmetallpreise seit dem 1. Januar in US-Dollar: Gold: +18%; Silber: +54% (Stand 26. Januar 2026). Das ist ein Hinweis auf Verwerfungen in den Papiermärkten von COMEX und LBMA, sowie ein Vertrauensschwund der Anleger in den US-Dollar. Möglicherweise versuchte Donald Trump mit seiner Rede und seinen geopolitischen Drohungen gegenüber Freund und Feind von einem Problem ablenken, das bald zur Realität werden könnte: Ein Kollaps der westlichen Finanzmärkte.

«Falls dies eintreffen wird, werden alle Karten neu gemischt und verteilt.»

Fazit

Nachdem Trump die von den Amerikanern seit Jahrzehnten beschworene «Regelbasierte Ordnung» selbst liquidierte, befindet sich der Kollektive Westen in einem Zustand der Agonie, d.h. die Parteien unternehmen schon gar nicht mehr irgendeinen Versuch, ihr Agieren auf eine erklärbare Basis zu stellen, von einer rechtlich begründeten ganz zu schweigen.

Dass die Europäer mit dem Gedanken spielen, Grönland und damit den NATO-Verbündeten Dänemark zu verraten – wie dies die Alliierten 1938 in München mit der Tschechoslowakei getan haben – ist lediglich eine logische Folge davon; Rutte und seine Kumpane bringen jedenfalls die dazu nötigen charakterlichen Eigenschaften mit. 

Weiter erachte ich es als naiv zu glauben, Trump werde den Iran nicht angreifen, obwohl die Realitäten einem solchen Unternehmen einen katastrophalen Ausgang bescheren wird.

Schliesslich darf man ebenfalls nicht ausschliessen, dass das Gebrüll von Trump ein Ablenkungsmanöver vor einem baldigen Kollaps der Finanzmärkte und dem US-Dollar sein könnte. Wenn – nicht falls – dies eintreffen wird, werden alle Karten neu gemischt und verteilt.

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