Die NATO auf dem Balkan: Eine Geschichte der gezielten Zerschlagung

Die NATO auf dem Balkan: Eine Geschichte der gezielten Zerschlagung

Jugoslawien, Montenegro, Nordmazedonien: Die NATO-Erweiterung auf den Balkan war eine kühl durchdachte Strategie und keine spontane Bewegung der Nationen.
Mo. 29 Jun 2026 7 Leseminuten 0

Anmerkung der Redaktion: Im Anschluss an den kürzlich erschienenen Artikel „Wie kam es zur NATO-Erweiterung? Drei Fallstudien“ (22. Juni 2026, von Stefano di Lorenzo) hat René Zittlau bestimmte Aspekte dieser verhängnisvollen Politik – für die wir bis heute den Preis zahlen – noch einmal beleuchtet .

Das Wesen von Geschichte

Wir leben in sehr bewegten Zeiten. Das taten wir jedoch schon immer, auch in Europa. Nur schien uns das nicht immer so. Denn Europa als Ganzes lebte nach dem zweiten Weltkrieg bis zu den weltverändernden Prozessen der späten 1980-er und frühen 1990-er Jahre in Ruhe suggerierenden, festgefügten Strukturen, sowohl in Ost als auch in West. Doch diese Ruhe war eine scheinbare. Nicht umsonst nennt man diese Zeit den kalten Krieg.

Es standen sich militärische Kräfte in einer Größenordnung gegenüber, die die heutigen Zahlen im Vergleich (noch) bescheiden aussehen lassen. Wer ist sich dessen heute bewusst? Der kalte Krieg fand daneben an allen anderen nur denkbaren Fronten statt – politisch, wirtschaftlich, diplomatisch, kulturell, massiv unterstützt von Geheimdienststrukturen.

Das Ende der Sowjetunion und der anderen Staaten des sozialistischen Lagers war somit die Folge eines Krieges, der alles umfasste außer einen direkten Zusammenstoß des Militärs beider konkurrierenden Seiten.

Geschichte passiert also nicht einfach so, sie hört auch nicht einfach auf, sie ist das Ergebnis des Wirkens konkreter, namentlich definierbarer Kräfte. Und diese Kräfte waren es, die die die sogenannte NATO-Ost-Erweiterung unter wiederholtem Bruch völkerrechtlich bindender Verträge organsierten. Der Wille der Völker und Staaten war dabei nicht maßgebend, er wurde passend gemacht.

Die gezielte und organisierte Zerschlagung Jugoslawiens

Solange das sozialistische Lager rund um die Sowjetunion existierte und somit auch diplomatische und politische Mindeststandards im Zusammenleben der konkurrierenden Gesellschaftssysteme, die in völkerrechtlich verbindlichen Verträgen fixiert worden waren, war ein Zerfall oder eine Zerschlagung Jugoslawiens kein Thema.

Es war bekannt, die USA und insbesondere auch Großbritannien betrachteten es als Fehler, dass es dem Westen im Zuge des zweiten Weltkriegs nicht gelungen war, eine militärische Präsenz auf dem Balkan sicherzustellen. Die Lage in Jugoslawien war Anfang der 1990-er Jahre dennoch durchaus stabil und von einem Zerfall des Landes war keine Rede. Auch Streitigkeiten unter den einzelnen Volksgruppen (Serben, Kroaten, Slowenen, Bosnier, Albaner) oder Religionen (Katholiken, Orthodoxe, Muslime) waren weitgehend unbekannt. Wie in der Sowjetunion wusste man meist gar nicht, wer wohin gehörte. Nationalismus als zerstörerische Kraft gab es somit nur nominell. Das beschrieb genau so der kroatische politische Analytiker Alex Krainer in einem Artikel auf Substack:

“Eines der eindrücklichsten Erlebnisse meines Lebens war der Ausbruch des Krieges im ehemaligen Jugoslawien im Jahr 1991, und der Grund dafür war der fast augenblickliche Wandel in der kollektiven Psyche, der eintrat, sobald die ersten Artilleriegeschosse in Kroatien einschlugen. Bis zu diesem Moment glaubte die überwiegende Mehrheit der Menschen – ich wage zu sagen, weit über 90 % –, dass ein Krieg undenkbar sei; dass er niemals stattfinden würde. Wer könnte denn schon einen Krieg führen wollen? Es schien unmöglich; nur eine kleine Handvoll Hitzköpfe sprach sich für einen Krieg aus.
Die Berichte in den westlichen Medien über das Ausbrechen jahrhundertealter, aufgestauter Feindseligkeiten waren völliger Unsinn. Die Völker des ehemaligen Jugoslawiens waren sozial, wirtschaftlich und kulturell tief miteinander verflochten. In den meisten Fällen wussten wir nicht einmal, wer unter unseren Nachbarn Serbe, Kroate oder Muslim war, und viele Familien waren gemischt.”
Alex Krainer

Wer hat diese Kraft also befeuert und von der Leine gelassen, dass sie das Land in einen zerstörerischen Krieg führte? Woher kamen das Geld und die Waffen?

Das vereinigte Deutschland legte sich dabei sehr ins Zeug, allen voran der deutsche Außenminister Genscher. Er versprach Slowenien und Kroatien im Geheimen nicht nur eine rasche Anerkennung durch die EU, sollten sie sich von Jugoslawien lossagen, sondern auch sehr viel Geld für den weiteren Weg, Waffen aus NVA-Beständen inklusive. Sieht so eine Diplomatie der Nichteinmischung aus, der sich die BRD in Helsinki 1975 und erst kurz zuvor in den 2+4-Verhandlungen verpflichtet hatte? Mal ganz abgesehen vom Grundgesetz. Selbst die sonst nicht zimperlichen Briten waren in Person des EG-Unterhändlers für Jugoslawien, Lord Peter Carrington, überrascht von der Forschheit der Deutschen.

Aber offensichtlich sollte der historische Moment genutzt werden, durch Teile-und-Herrsche den Balkan zügig zu NATO-isieren, was mit der Zerstörung Jugoslawiens und der massiven Unterstützung der Gründung von Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina und ganz besonders Kosovo gelang. Der dafür zu führende Krieg wurde billigend in Kauf genommen, ganz vorn dabei Deutschland in seinem ersten Kriegseinsatz seit dem Untergang des Deutschen Reiches 1945. Erinnert sich noch jemand an den Hufeisenplan des damaligen SPD-Verteidigungsminister „Graf“ Scharping?

Danach, nach der ersten NATO-Schlacht um Jugoslawien, blieb vom ehemaligen großen Jugoslawien nur noch ein kleines Jugoslawien übrig, der Bundesstaat Serbien und Montenegro. Doch selbst der war den NATO-Strategen ein Dorn im Auge. Denn dieser Bundesstaat garantierte Serbien – ein historischer Verbündeter Russlands – einen Meereszugang zur Adria und somit zum Mittelmeer. Man setzte alle Hebel in Bewegung, um zunächst Montenegro als Staat von Serbien zu trennen, um dann eine NATO-feindliche Bevölkerung in dem neuen Kleinstaat auf einen NATO-Beitritt des Landes psychologisch vorzubereiten. Die dabei praktizierte, überaus enge Zusammenarbeit mit dem zum Politiker mutierten Kriminellen Dukanovic überrascht dabei niemanden. Somit wurde Montenegro, ein Land ohne Armee, Mitglied des Militärbündnisses NATO.  Der einzige Grund war die Geografie Serbiens, das somit seines einzigen, strategisch wichtigen Meereszugangs verlustig ging.

Das NATO-Mitglied Montenegro – bis zu seiner NATO-Mitgliedschaft durchaus ein Russland freundlich gesinnter Staat - war es dann auch, das dem russischen Außenminister Lawrow den Überflug nach Serbien für einen Arbeitsbesuch verbot. Eine NATO-Politik, die an Perfidie schwer zu überbieten ist.

Die radikale Wende, von der im Ausgangsartikel bezüglich Montenegro die Rede ist, war eben keine vom Volk gewollte, sie wurde von der NATO organisiert, also erzwungen. Dasselbe Muster wie z.B. in der Ukraine.

Nach dem NATO-Beitritt Montenegros blieb nur noch der ehemalige Teilstaat Mazedonien des alten Jugoslawiens als Nicht-NATO-Nachbar von Serbien übrig. Dieses Problem wurde 2020 gelöst, ebenfalls mit einer überaus freundlich gesinnten NATO-EU-Diplomatie: Dem EU-Kandidaten Mazedonien (das seit 2005) wurde die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder euer Land wird in Nordmazedonien umbenannt oder ihr könnt den NATO-Beitritt und eine EU-Perspektive vergessen. Und solltet ihr uns nicht wollen, dann schaut euch bitte mal, was wir so alles an friedlichen Revolutionen organisieren können.

Das Land entschied sich für die Demütigung und den 2020 erfolgten NATO-Beitritt.

Auch dieser NATO-Beitritt hatte nichts mit dem ökonomisch wie militärisch völlig unbedeutenden Land Nordmazedonien zu tun, sondern ausschließlich mit der Geografie Serbiens. Denn damit war die Einkreisung des Landes durch NATO-Mitglieder abgeschlossen. Das Land steht seither unter massivem Druck seitens der NATO und der EU, sich deren Politik unterzuordnen. Das heißt vor allem anderen, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen. Auf Grund der geopolitischen Realitäten ist es fast ein Wunder, dass es den Staat Serbien unter der Führung seines Präsidenten Aleksandar Vucic in seiner jetzigen Firm noch gibt.

NATO-Politik ist keine Friedenspolitik

Es ist eine Mär, dass es die freie Entscheidung eines jeden Staates sei, der NATO beizutreten. Jede Mitgliedschaft in diesem allem anderen als dem Frieden verpflichteten Staatenbündnis unter US-Gnaden hat eine strategische, US-Interessen dienende Bedeutung.

Ausgehend davon ist die Erweiterungspolitik insbesondere seit 1990 zu bewerten. Sie hatte zwei Ziele: Die Schaffung von Voraussetzungen für eine nachhaltige Schwächung Russlands sowie nach dessen erfolgreicher Destabilisierung die Schaffung von Bedingungen für eine Unterwerfung Chinas. Alle anderen Fragen spielten und spielen eine absolut untergeordnete Rolle.

Der Strategie der NATO förderliche Ereignisse ziehen sich wie ein roter Faden ausgerechnet durch die die NATO interessierenden Länder. Nicht überall sind diese NATO-unterstützten Aktivitäten erfolgreich, wie z.B. in Serbien. In manchen Fällen scheinen die nationalen Politiker tatsächlich ihre Lehren aus den plötzlichen Revolutionen gezogen zu haben, wie in Georgien. Doch ist Vorsicht geboten für eine allzu optimistische Sicht. Denn EU und NATO haben sich im Januar 2023 vertraglich aneinander gebunden. In der Gemeinsamen Erklärung zur Zusammenarbeit zwischen der EU und der NATO vom 10. Januar 2023 heißt es unter Punkt 9: 

„Unsere sich gegenseitig verstärkende strategische Partnerschaft trägt zur Stärkung der Sicherheit in Europa und darüber hinaus bei. Die NATO und die EU spielen bei der Förderung von Frieden und Sicherheit auf der Welt eine einander ergänzende, kohärente und sich gegenseitig verstärkende Rolle. Wir werden die uns zur Verfügung stehenden gemeinsamen Instrumente, ob auf politischer, wirtschaftlicher oder militärischer Ebene, weiter einsetzen, um unsere gemeinsamen Ziele zum Nutzen unserer einen Milliarde Bürgerinnen und Bürger zu verfolgen.“
Gemeinsamen Erklärung zur Zusammenarbeit zwischen der EU und der NATO

Diese Worte müssen sehr ernst genommen werden. Wie ernst, das zeigt die aktuelle Auslegung dessen, was NATO und EU unter der „Förderung von Frieden und Sicherheit“ verstehen.

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