Wiederholt sich 1914? Bricht der Krieg zwischen Europa und Russland endgültig offen aus?

Wiederholt sich 1914? Bricht der Krieg zwischen Europa und Russland endgültig offen aus?

Alle schauen auf den Krieg im Iran. Zwischen Europa und Russland jedoch kann der Krieg ebenso jederzeit eskalieren. Die Europäer führen durch die Ukraine einen direkten Krieg gegen Russland – wird der Bär schlussendlich aufwachen und direkt gegen Europa zurückschlagen?
Mo. 25 Mai 2026 3

Einleitung

Der Kriegsausbruch 1914 kam für viele unerwartet, denn viele waren sich nicht bewusst, dass die Briten den Deutschen eine Falle gestellt hatten, die im Sommer 1914 zuschnappte. Noch 100 Jahre später schrieb Christopher Clark den Bestseller «Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog», insinuierend, dass der Krieg ungewollt und vermeidbar gewesen wäre. Wie alle grossen Kriege, wurde von den Briten gar nichts dem Zufall überlassen – alles war Kalkül und der Schuldige stand ab dem ersten Kriegstag fest: Deutschland. Eine Unwahrheit, die sich bis heute in den Geschichtsbüchern hält. Auch am Ausbruch des Zweiten Weltkrieg hatten die Briten und die Amerikaner ihre Finger im Spiel. Beide schafften es auch nach diesem Krieg, als grosse Befreier dazustehen (dazu unser Artikel «Wird das Böse obsiegen?»).

Falls der Krieg in Europa zum dritten Mal in 112 Jahren ausbrechen sollte, wäre der Schuldige ebenfalls bereits benannt: Russland. Seit 2014 führen Europa und die USA einen Krieg gegen Russland, bisher auf das Territorium der Ukraine beschränkt. Das könnte sich bald ändern.

Russland versuchte, im März/April 2022, ein paar Wochen nach dem Beginn der Spezialoperation, mit den Ukrainern eine Einigung zu finden, was beinahe gelang. Dann erschien Boris Johnson als Abgesandter von «Perfidous Albion» in Kiew und rettete den Krieg. Die darauffolgende grosse Gegenoffensive der NATO im Sommer 2023 scheiterte kläglich an den Befestigungen der Russen – die Schmach der NATO war gross, die Verluste der Ukraine fürchterlich. Insgesamt belaufen sie sich auf 2 Millionen Tote und Millionen Verletzte, was beinahe 10% der noch bestehenden Bevölkerung im Jahre 2026 entspricht. Die Russen haben wohl um die 200'000 Gefallene zu beklagen; im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von 147 Millionen ist das wenig. Für die betroffenen Hinterbliebenen auf beiden Seiten der Front eine Katastrophe.

Der Siegeswille, die Loyalität zur Heimat und die militärische und strategische Überlegenheit widerspiegeln sich unter anderem in der Zahl der Freiwilligen. Nach wie vor melden sich in Russland für die Front ca. 1'200 Freiwillige – jeden Tag. Das entgegengesetzte Bild in der Ukraine. Kopfgeldjäger jagen junge Männer wie Tiere, so dass sie zunehmend von der Bevölkerung angegriffen werden; sogar heldenhafte Grossmütter gehen gegen diesen Abschaum mit Stöcken vor, denn ein Fronteinsatz bedeutet in der Ukraine den sicheren Tod oder Kriegsgefangenschaft. Die regulären Truppen sind derart dezimiert, dass die zwangsrekrutierten, frischen neuen Soldaten, die eine zweiwöchige Schnellbleiche hinter sich haben, entweder umkommen oder weglaufen.

Die westlichen Medien zeichnen auch nach vier Jahren Krieg ein anderes Bild, wobei sie zunehmend Mühe haben, die propagandistischen Prognosen über einen «Sieg» der Ukraine und einen «Kollaps» von Russland anhand von Fakten zu begründen. Doch dieser «Journalismus» genügt noch immer, um die Naiveren unter den Lesern bei der Stange zu halten.

 «Die Ukraine amtet nur noch als Feigenblatt eines offenen Krieges Europas gegen Russland»

Die NATO eskaliert einen Krieg, an welchem sie nach eigenen Angaben offiziell nicht direkt beteiligt sei, aber die Wahrheit sieht anders aus. Ab 2022 wurde zuerst Artillerie geliefert, dann Kampfpanzer, dann Kampfflugzeuge, dann Raketen, dann Cruise-Missiles, allesamt im Paket mit Experten vor Ort, welche diese Waffen betreuen, programmieren und lenken.

Laut dem Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages verliess Deutschland bereits 2022 mit der Ausbildung von ukrainischen Soldaten an gelieferten Waffen den "gesicherten Bereich der Nichtkriegsführung". Diese offizielle Analyse und Bewertung liegt lediglich vier Jahre zurück und wirkt auf den Leser des Jahres 2026 wie ein Dokument aus Vorkriegszeiten.

Seither wurden zahllose rote Linien überschritten und wir haben uns bereits Anfang Februar 2023 in «Schlafwandler am Werk: Der 3. Weltkrieg hat wohl bereits begonnen» darüber Gedanken gemacht. Die Eskalation durch Europa hat in jüngster Zeit einen Punkt erreicht, an dem auch die nach einer diplomatischen Lösung strebende russische Führung die Realitäten nicht mehr ausblenden wird können. Europäische Länder bereiten die Stationierung von Atomwaffen in Polen vor und produzieren Tausende von Drohnen, welche Infrastrukturanlagen tief im Inneren Russlands erreichen und beschädigen, produziert ausserhalb der Ukraine. Am 22. Mai erreichte die Brutalität einen neuen Höhepunkt: In Lugansk wurde ein Studentenwohnheim, wohlgemerkt nachts, als alle Studenten schliefen, mit über ein Dutzend Drohnen angegriffen. Resultat: 21 tote Studenten und zahllose Verletzte. Die Ähnlichkeiten zur israelischen Kriegsführung sind augenfällig. Hinzu kommt, dass diese Angriffe offensichtlich nicht nur aus der Ukraine geführt werden, sondern auch aus den baltischen Staaten direkt. Zudem fabulierte der lettische Aussenminister in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) vom 18. Mai sogar davon, dass die NATO die Mittel hat, die russischen Militärinstallationen in Kaliningrad dem «Erdboden gleichzumachen».

Die gegenwärtigen Angriffe kann man nicht mehr als ukrainisch bezeichnen. Die Ukraine amtet nur noch als Feigenblatt eines offenen Krieges Europas gegen Russland.

Fehlende Angst Europas vor einem Krieg

Diese beschriebenen Eskalationen beruhen auf der irrigen Meinung Europas, die Zurückhaltung Russlands gegenüber der seit Jahren andauernden Provokationen durch den Westen sei ein Zeichen der Schwäche. Dass die Europäer die Geduld und das Streben nach Deeskalation dergestalt auslegen, erhöht das Risiko eines grossen Konflikts um so mehr. Die Russen haben gute, ja sehr gute Gründe, einen weiteren direkten Krieg mit Europa zu verhindern. Kein Land – ausser den Chinesen – litt im Zweiten Weltkrieg auf einem derart apokalyptischen Niveau wie die Sowjetunion. Dies ist auch heute noch omnipräsent in der russischen Gesellschaft. Präsident Putin weiss das und eine deeskalierende Haltung betreffend Krieg ist Programm eines Präsidenten, welcher die 27 Millionen Opfer respektiert und achtet.

Die Europäer hingegen, speziell die Deutschen, haben die Angst vor einem Krieg – auch vor einem Atomkrieg – komplett verloren. Das sind keine Vermutungen, sondern belegte Tatsachen. So hat Friedrich Merz bereits im Mai 2022, als die Waffenlieferungsbonanza in Deutschland richtig losging, verlautbart, er habe keine Angst vor einem Atomkrieg. War Merz 2022 noch in der Opposition, so ist dieser Dummkopf gegenwärtig Bundeskanzler. Wer keine Angst vor einem Atomkrieg hat, ist dumm. Diese Aussage wird von den deutschen Medien relativiert - weiter unten werden wir jedoch sehen, dass Herr Merz im Kern das gemeint hat, was er sagte.

Gemeinsam mit Starmer und Macron führt der ehemalige Fahnenjunker der Bundeswehr Europa Richtung Krieg, mit voller Unterstützung von den Damen von der Leyen und Kallas, die offensichtlich bereit sind, ihre Russophobie dergestalt auszuleben, dass sie den Untergang von Westeuropa in Kauf nehmen.

Was diese Damen und Herren nicht zu verstehen scheinen, ist der Umstand, dass Präsident Putin mit seiner Konzilianz und seinem guten Willen gegenüber Europa zu den Geduldigsten gehört. Die im Westen immer wieder bemühte Behauptung, dass Russland im Allgemeinen und Präsident Putin im Besonderen Aggressoren seien, sind durch Tatsachen nicht zu belegen. In Russland wird spätestens seit 2014 intensiv diskutiert, ob gegenüber Europa ein härterer Kurs gefahren werden soll. Es gibt zahlreiche einflussreiche Personen, welche die auf Diplomatie ausgerichtete Strategie des Kremls kritisieren. Angesichts der irrationalen Politik des Westens finden diese Meinungen immer grössere Unterstützung und die gemachten Vorschläge beschränken sich in keiner Weise auf diplomatische Protestnoten oder härtere Kommunikation. Russland debattiert gegenwärtig darüber, die kriegstrunkenen Europäer mit Waffengewalt auszunüchtern, wobei Professor Karaganow dem Kreml seit Jahren eine Gangart beliebt machen möchte, die den Einsatz von Atomwaffen gegen Europa einschliessen.

«Karaganow-Doktrin»

Professor Sergey Karaganow ist Ehrenvorsitzender des Rates für Aussen- und Verteidigungspolitik Russlands sowie akademischer Betreuer an der School of International Economics and Foreign Affairs der Higher School of Economics (HSE) in Moskau. Er gehört der russischen Regierung nicht an, sein Einfluss auf die Meinungsbildung der Entscheidungsträger sollte jedoch nicht unterschätzt werden.

Sergei Karaganow fährt eine harte Linie – Quelle: Karaganov.ru

Karaganow verfasste bereits im Juni 2023 einen Artikel, eine Denkschrift. Dieser Aufsatz stellte die Problematik des gegenwärtigen Ukraine-Konflikts in einen grösseren Zusammenhang. Er kam dabei zum Schluss, dass der freundlichen, diplomatischen Haltung der Regierung kein Erfolg beschieden sein wird, da das untergehende Europa nicht das geringste Interesse daran habe, eine diplomatische, also friedliche Lösung zu suchen und umzusetzen.

„Wir dürfen das ‚ukrainische Szenario‘ nicht wiederholen. Ein Vierteljahrhundert lang haben wir nicht auf diejenigen gehört, die davor gewarnt haben, dass die NATO-Erweiterung zu einem Krieg führen würde, und haben stattdessen versucht, die Dinge hinauszuzögern und zu ‚verhandeln‘. Das Ergebnis ist ein schwerer bewaffneter Konflikt. Der Preis für Unentschlossenheit wird jetzt um ein Vielfaches höher sein.“
Sergei Karaganow, 13. Juni 2023

Er ist zwar der Meinung, dass Russland auf dem Schlachtfeld obsiegen werde, ganz gleich, ob lediglich die vier bereits zu Russland gehörenden Oblaste (Donezk, Luhansk, Saporischschja, Cherson), noch weitere Gebiet oder gar die ganze Ukraine erobert werden würden. Damit sei das Problem jedoch nicht gelöst, denn eine rein militärische Entscheidung sei keine Befriedung und löse das Problem nicht. Dem Westen müsse der Wille zur Aggression gebrochen werden. Das sei jedoch allein mit nuklearer Abschreckung nicht zu erreichen, da Westeuropa die Angst vor einem Krieg, ja sogar vor einem Atomkrieg, verloren habe. Aussagen von Friedrich Merz aus dem Jahre 2024 bestätigen diese Aussage Karaganows, da Merz unter anderem zum Besten gab: «Freiheit ist wichtiger als Frieden. (…) Frieden gibt´s auf jedem Friedhof.» Ein Bundeskanzler mit einem derart begrenzten Politikverständnis hat selbstredend auch keine Angst vor einem Atomkrieg mit Russland. Da kann sich Deutschland lediglich an Helmut Schmidt zurücksehnen. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler (1974-1982), der selber als junger Offizier an der Ostfront war, prägte das Zitat:

"Leute, die keinen Krieg erlebt haben wohl aber selbst Krieg führen oder provozieren, wissen nicht, was sie Furchtbares anrichten."
Helmut Schmidt

Da können sich die Deutschen mit Fug fragen, warum es in ihrer Heimat heutzutage keine weisen Politiker mehr gibt.

Laut Karaganow jedenfalls gelte es, diese Angst vor dem Krieg wiederherzustellen. Zitat:

„Wir müssen die nukleare Abschreckung wieder zu einem überzeugenden Argument machen, indem wir die unannehmbar hoch angesetzte Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen senken und schnell, aber umsichtig die Eskalationsleiter der Abschreckung hinaufsteigen.“
Sergei Karaganow, 13. Juni 2023

Folglich schlägt Karaganow den Einsatz von Nuklearwaffen vor, um die Angst vor diesen Waffen wiederherzustellen und vertritt die Meinung, dass ein Vergeltungsschlag nicht zu erwarten sei, da die Amerikaner zum einen nicht ihr eigenes Land in Gefahr bringen und zum anderen nicht Boston für Posen opfern würden.

„Ich habe schon oft gesagt und geschrieben, dass sich das Risiko eines ‚Vergeltungsschlags‘ – sei es nuklear oder anderweitig – auf unser Territorium auf ein absolutes Minimum reduzieren lässt, wenn wir eine Strategie der Einschüchterung und Abschreckung, ja sogar des Einsatzes von Atomwaffen, richtig aufbauen. Nur ein Verrückter, vor allem einer, der Amerika hasst, wird den Mut haben, zur ‚Verteidigung‘ der Europäer zurückzuschlagen, wodurch er sein eigenes Land in Gefahr bringt und das mögliche Ziel Boston für das mögliche Ziel Posen opfert.“
Sergei Karaganow, 13. Juni 2023

Karaganow kann durchaus gefolgt werden in seiner Ansicht, dass die Verfolgung einer diplomatischen Lösung des Konflikts für Russland kein nachhaltiges Ergebnis bringen wird, d.h. aufgrund der strategischen Aggression Europas – und auch der USA – kein Frieden mit der Ukraine oder was davon übrigbleiben wird, möglich sein wird. 

Das Eintreten Karaganows für einen begrenzten Erstschlag mit Atomwaffen – auch nach einem von ihm vorgeschlagenen Warn-Schlag mit konventionellen Waffen – erachte ich als keine weise Strategie. Als Präsident Putin am 16. Juni 2023 auf die Karaganow-Doktrin angesprochen wurde, sagte er klar «Ich lehne sie ab» und führte unter anderem aus:

«Ich habe bereits gesagt, dass der Einsatz der ultimativen Abschreckungsmittel nur im Falle einer Bedrohung des russischen Staates möglich ist. In diesem Fall werden wir mit Sicherheit alle Kräfte und Mittel einsetzen, die dem russischen Staat zur Verfügung stehen. Daran besteht kein Zweifel.»
Präsident Putin, 16. Juni 2023

Dennoch: Am 19. November 2024 erneuerte die Russische Föderation ihre Nukleardoktrin. Sergei Karaganow hat die öffentliche und fachliche Debatte, die der überarbeiteten russischen Nukleardoktrin vorausging, massgeblich geprägt, doch gibt es keine eindeutigen Belege dafür, dass er direkt an deren offizieller Ausarbeitung beteiligt war.

Die Schwelle für den Einsatz nuklearer Waffen wurde herabgesetzt: Russland behält sich jetzt das Recht vor, als Reaktion auf einen konventionellen (nicht-nuklearen) Angriff, der eine kritische Bedrohung für die Souveränität oder territoriale Integrität Russlands oder Weissrusslands (als Teil des Unionsstaates) darstellt, Atomwaffen einzusetzen. In der Fassung von 2020 galt eine höhere Schwelle: ein Angriff, der die „Existenz des Staates“ bedroht. Ergänzt wurde die Doktrin durch eine sogenannte “Joint attack clause”: Ein Angriff auf Russland (oder seine Verbündeten) durch einen Nicht-Atomwaffenstaat unter Beteiligung oder mit Unterstützung eines Atomwaffenstaates gilt als gemeinsamer Angriff beider Staaten. Dies zielt auf Szenarien ab, in denen der Westen die Ukraine unterstützt. (Gesamter Text auf Englisch: hier).

Die Schwelle betreffend des Einsatzes und die Konstellation des Angriffs wurde durch die neue Doktrin verschärft.

Ob die gegenwärtigen Angriffe der Europäer die Voraussetzungen für eine atomare Antwort erfüllen, kann ich nicht beurteilen.

Es gibt zwei weitere wichtige Argumente gegen den Einsatz in der gegenwärtigen Situation. Falls Russland – nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1945 – einen Atomschlag führen würde, würde dies Russland zum Nuklearaggressor machen. Abgesehen davon, ob die Nuklear-Doktrin eine solchen Einsatz erlaubt, wäre er für die Reputation des Landes äusserst schädlich und eine enorme Belastung für die Beziehungen zu den befreundeten Staaten. Weiter würde er generell – und ganz besonders Israel und den USA – die Hemmschwelle für den Einsatz dieser Waffen senken.

So wie in Russland, wird auch in den USA von Hardlinern der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen bereits propagiert. Einige Experten (z. B. aus dem Umfeld des Hudson Institute oder des Heritage Institute sowie Persönlichkeiten wie Keith Payne und Elbridge Colby im weiteren Kontext der Abschreckung) vertreten die Ansicht, dass die USA über bessere Instrumente zur „Eskalationsdominanz“ verfügen müssen, darunter auch taktische Nuklearwaffen. Ein Präzedenzfall würde die Büchse der Pandora öffnen. Die Gefahr einer weiteren Eskalation wäre bedeutend höher als heute und das Ende der Menschheit de facto in Reichweite.

Konventionelle Eskalation

Obwohl der Einsatz von Nuklearwaffen gegen Europa unter den gegenwärtigen Bedingungen mehr schaden als nützen würde, wird sich Russland überlegen müssen, wie es den Europäern entgegenzutreten hat, um diesen Konflikt militärisch zu beenden – den Krieg mit Europa wohlgemerkt, nicht mit der Ukraine. 

Oreshnik

Das Grundlagenpapier von Karaganow stammt vom Juni 2023 – damals gab es die «Oreshnik» noch nicht. Erstmals kam diese Waffe am 21. November 2024 gegen den grössten Rüstungskomplex der Ukraine, den Konzern «JusMash» in Dnepro zum Einsatz. Selbst mehrere unterirdische Stockwerke wurden komplett zerstört, und das ohne jeglichen Sprengkopf, lediglich durch die kinetische Energie der Waffe. Wir berichteten darüber in «Putin setzt die NATO schachmatt – Grund zur Hoffnung?».

Die Oreshnik fliegt mit einer Geschwindigkeit von Mach 10, was diese Waffe unangreifbar macht. Westliche Abwehrsysteme sind wirksam gegen Ziele bis zu einer Geschwindigkeit von Mach 3. Weiter verfügt Oreshnik nach ersten Schätzungen über 6 Gefechtsköpfe, welche wiederum drei Teilköpfe haben. Diese insgesamt 18 Geschosse können auf verschiedene Ziele programmiert werden und sind einzeln navigierbar. Bereits aufgrund der kinetischen Energie, welche sich aus der Geschwindigkeit von Mach 10 ergibt, ist die Wirkung dieser Waffe schwer vorstellbar und kommt der Zerstörungskraft einer taktischen Nuklearwaffe nahe.

Russland verfügt also durchaus über Eskalationsmöglichkeiten unterhalb der Nuklearschwelle. In ihrer Wirkung kommen sie taktischen Nuklearwaffe allerdings nahe. Der amerikanische Militärexperte Scott Ritter hat am 26. November 2025 detailliert über diese Waffe Auskunft gegeben. „Der Oreshnik-Faktor“ – empfehlenswert.

Karaganow erwähnt zwar die Oreshnik in seinen Auftritten seit ihrem Ersteinsatz, jedoch scheint er nicht gewillt zu sein, sie in seinen strategischen Überlegungen an Stelle der Nuklearwaffen zu berücksichtigen.

Mögliche Strategie

Europa unterstützt nicht erst seit 2022 die Ukraine in ihrem Tun. Inzwischen vertreten die europäischen Herren der Ukraine ganz offen ihre Strategie des «forever war» gegen Russland, eine Strategie, die nur verbal die Rolle Europas als Aggressor verbrämt. Einen solchen Aggressor kann man nicht mit Worten vom Unrecht seines Tuns überzeugen. Russland muss mehr als ein Signal senden; Waffengewalt gegen Europa selbst steht zur Debatte.

Die Informationen für die Ziele der Angriffe sowie die Zielkoordinaten stammen von Satelliten und Überwachungsdrohnen und –flugzeugen der NATO. Die Verhängung einer non-fly-Zone über dem Schwarzen Meer wäre ein erster Schritt. Die USA hat dieses Mittel in den letzten Jahrzehnten mehrmals eingesetzt; etwa im Irak (1991-2003), in Bosnien Herzegowina (1993-1995) und Libyen (2011).

Der Kollektive Westen würde über eine solche Massnahme heulen und internationales Recht anrufen. Ein schwaches Argument von Ländern, die das Problem Ukraine erst geschaffen haben, die Genozid im Nahen Osten, die Entführung von Maduro und den Angriff auf den Iran befürworten. Diese no-fly-Zone müsste mit radikaler Waffengewalt vom ersten Tag an durchgesetzt werden.

Der zweite Schritt wäre die Ankündigung, dass innert 24 Stunden nach einem erneuten Angriff auf Ziele innerhalb Russlands eine militärische Antwort auf Produktionsstätten jener Länder folgt, die die beim Angriff benutzten Waffen herstellen, liefern und betreuen. Ein solcher Angriff müsste dann jedoch die komplette Zerstörung zur Folge haben – und nicht als blosses Signal wirken.

Die dritte Eskalationsstufe wäre dann die Ankündigung der Zerstörung der Entscheidungszentren in Europa und deren Umsetzung. Dazu gehören die militärischen Kommandozentralen, die Hauptsitze der betreffenden Geheimdienste und in einer weiteren Eskalation die Regierungssitze.

Fazit

Die Situation für Russland ist bitterernst. Die NATO scheint sich daran gewöhnt zu haben, gegen Russland «weit weg vom Schuss» Krieg führen zu dürfen, ohne irgendwelche negativen Konsequenzen erleiden zu müssen. Falls Russland der NATO den Appetit nicht umgehend nimmt, wird dies der Strategie des Kollektiven Westens, Russland für immer zu schwächen – «forever war» – noch mehr Auftrieb geben.

Die hier diskutierten Strategien und möglichen russischen Antworten haben den Vorteil, eine Entscheidung herbeizuführen, bergen jedoch auch das Risiko, dass der Dritte Weltkrieg offen ausbricht. Eine solche Eskalation sollten nur jene befürworten, welche dazu bereit sind, ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Liebsten herzugeben. Auf allen Konfliktseiten. Dies entspricht ganz sicher mehr der russischen und überhaupt nicht der westlichen Mentalität.

Es bleibt abzuwarten, wie Russland die gegenwärtige Situation bewertet und welche Schlüsse es zieht. Das Risiko einer kompletten Eskalation ist jedoch auf jeden Fall deutlich höher als es die Öffentlichkeit wahrhaben möchte.

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