St. Petersburg 2026: Ein Meilenstein auf dem Weg zu einer multipolaren Welt

St. Petersburg 2026: Ein Meilenstein auf dem Weg zu einer multipolaren Welt

Während die westlichen Hauptstädte ihre Bemühungen zur Isolierung Russlands verstärken, zog das jährliche Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg fast 20'000 Delegierte aus über 130 Ländern an. Dr. Andreas Mylaeus teilt seine Einschätzung mit dem Schweizer Radiosender Kontrafunk.
Mi. 10 Jun 2026 10 Leseminuten 0

Das Internationale Wirtschaftsforum St. Petersburg (SPIEF) 2026 fand vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden geopolitischen Spaltung statt. Einst als osteuropäisches Pendant zum Weltwirtschaftsforum in Davos konzipiert, hat sich die Veranstaltung in den letzten Jahren vollständig von diesem Rahmen gelöst – sie fungiert nun als Treffpunkt für eine Welt, die sich aktiv neu ordnet und sich von der nach 1991 bestehenden, vom Westen geführten Ordnung abwendet.

Das diesjährige Thema, „Pragmatischer Dialog“, war gut gewählt. Die Gästeliste – angeführt von Saudi-Arabien als Ehrengast und ergänzt durch Delegationen aus ganz Afrika, Asien und dem gesamten Globalen Süden – spiegelte weniger eine geopolitische Aussage als vielmehr eine Tatsache wider: Der Schwerpunkt der globalen Wirtschaftsdiplomatie verlagert sich. Auffällig abwesend waren, von seltenen Ausnahmen abgesehen, europäische Gesichter. Doch selbst diese Ausnahmen sprachen Bände: Deutsche und italienische Führungskräfte waren Berichten zufolge bei Sitzungen hinter verschlossenen Türen anwesend, ihre Namensschilder waren frei von Firmenlogos.

Im folgenden Interview, das Stefan Millius für den Schweizer Sender Kontrafunk führte, beleuchtet Dr. Andreas Mylaeus – Redakteur bei Forum Geopolitica – die Bedeutung des Forums in vier Dimensionen: die sich entwickelnde Architektur der eurasischen Wirtschaftskooperation, die Bedeutung der symbolischen Delegation aus Washington, die Widerstandsfähigkeit und die strukturellen Grenzen der russischen Wirtschaft sowie Europas zunehmend selbstzerstörerische Haltung gegenüber einer Welt, die es nicht mehr mitgestaltet.

Interview

Stefan Millius: Herr Mylaeus, das diesjährige Motto lautete pragmatischer Dialog. Wenn man sich die Gästeliste anschaut von Saudi-Arabien über Tansania bis China, sieht man kaum noch europäische Gesichter, nur vereinzelt – darauf kommen wir noch zu sprechen. Zeigt die Gästeliste schon eine Art endgültige Zementierung einer globalen wirtschaftlichen Zweiteilung?

Andreas Mylaeus: Ja, das liegt wohl daran, dass das Ziel dieses Forums in einer Reihe liegt mit BRICS und den ganzen Bemühungen des eurasischen Raumes von China bis Russland. Iran ist im Spiel, ganz Asien ist im Spiel und Afrika spielt mit. Und alle wollen rausgehen aus diesem bisherigen unilateralen System.

Viele sagen, das sei ein neokolonialistisches System des Westens und das soll abgelöst werden. Und der Versuch in Petersburg ist nun, hier ein zusätzliches Netzwerk aufzubauen aus ganz vielen Ländern und Kontakten, aus Kultur, aus der Wirtschaft und so weiter, aus allen diesen Ländern, die eben sich vom Westen abwenden. Und in diesem Sinne ist es natürlich klar, dass dieses Forum dem, wenn man so will,180 Grad entgegensteht. Der Westen bemüht sich, die alte neokolonialistische Weltordnung aufrechtzuerhalten und wird sich natürlich deshalb an den Bemühungen in Petersburg nicht beteiligen.

Es gibt ab und zu Einsprängsel, auch aus Amerika, die da einzeln aufscheinen und so ein bisschen irrlichtern durchs Gelände. Die spielen aber politisch keine Rolle.

Aber US-Präsident Donald Trump hat ja offensichtlich so eine kleine offizielle Mini-Delegation geschickt, erstmals seit Jahren. Wie ist denn das zu bewerten?

Naja, das könnte – ich spekuliere jetzt ein bisschen – das könnte damit zusammenhängen, dass ja Wladimir Putin – auch im Pressegespräch, das zeitgleich zum Forum stattgefunden hat – immer wieder darauf hingewiesen hat, dass die amerikanische Politik unter Donald Trump eigentlich darauf ausgerichtet ist, den Ukraine-Krieg tatsächlich zu beenden. Davon spricht er immer wieder mal. Wenn er diesbezüglich über Amerika spricht, sagt er immer, das ist die frühere Administration gewesen, die Biden-Administration, die diesen Krieg wollte. Trump will ihn eigentlich nicht. Er wird jetzt gehindert durch interne Kräfte, das wirklich umzusetzen, aber eigentlich möchte er den Krieg nicht.

Und Wladimir Putin streckt auch immer wieder die Hand aus. Er hat wieder erwähnt, dass die Vereinbarungen, die man in Anchorage einmal getroffen hatte, eigentlich tragfähig wären, aber von der Ukraine abgelehnt werden und von Europa abgelehnt werden. Aber Trump wäre eigentlich dafür.

Also von daher sind das so zarte Hinweise, dass möglicherweise ein Gesprächsfaden aufrechterhalten werden soll.

Aber das Niveau dieser Delegation, wenn man das gesehen hat beim Panel von Putin im Forum, da wurde dieser amerikanische Delegationsleiter vorgestellt, durfte ein paar Worte sagen und das war ein Architekt oder Historiker, der sich mit Gebäuden in St. Petersburg beschäftigt und offenbar mit Trump irgendwie den neuen Ballsaal im Weissen Haus planen soll. Also das hat jetzt nun politisch keine wirkliche Bedeutung.

Sprechen wir über Europa. Offiziell gibt es nach wie vor die harten Sanktionen. Hinter den Kulissen des Forums sah man jedoch deutsche oder italienische Manager, die mit anonymisierten Namensschildern ohne Firmenlogo an geschlossenen Sitzungen teilgenommen haben. Wenn ich Sie als Jurist frage, wie bewegen sich diese Unternehmen in diesem rechtlichen Graubereich? Offensichtlich ist der russische Markt trotz des Krieges für sehr viele Firmen nach wie vor unverzichtbar.

Ja, das ist schon richtig. Und es sind auch Firmen, die die alten Kontakte zu Russland aufrechterhalten. Ich weiß es durch Gespräche mit den Herren einer Firma, die in Moskau dieses Geschäft betreibt. Die haben das so gemacht, dass sie einfach diesen Firmenteil aus dem Portfolio der Mutterfirma rausgenommen haben und haben in Russland eine eigene Firma aufgebaut, sodass da formaljuristisch keine Kontakte mehr bestehen.

Aber natürlich wird hintenrum dann das Konzept weiter besprochen und es werden auch die Konzepte des Geschäfts selber so geführt, wie das in Deutschland auch der Fall ist. Das sind Umwege um solche Sanktionen. Wissen Sie, das ist so ein bisschen ähnlich wie damals, als in Amerika die Prohibition eingeführt wurde. Da gab es immer Kellerbars. Und sowas gibt es hier auch – es werden Wege gesucht.

Bei dem entsprechenden Panel „Russland-Deutschland“, das war am 4.6. um 17:00 Uhr, da wurde darauf hingewiesen, dass derzeit ca. 1.800 Firmen aus Deutschland in Russland operieren und ein Volumen von ungefähr 100 Milliarden Euro noch investiert sind. Also da sind schon Kontakte und wenn man in Moskau zum Beispiel einen Baumarkt sucht, landet man beim Obi. Also von daher findet das weiterhin statt, aber es hat natürlich wirtschaftlich keine wirklich große Auswirkung.

Die Großfirmen kommen alle nicht mehr und das hat natürlich einen klaren Grund. Wenn man heute in Moskau zum Beispiel in ein Taxi steigt, sind die Autos in einem hohen Prozentanteil chinesische Autos. Und wenn man sich vorstellt, dass früher deutsche ICE-Züge der Standard waren, den man unbedingt erreichen wollte, so sind das heute chinesische Hochgeschwindigkeitszüge. Die Deutschen sind technologisch und produktivitätsmäßig nicht mehr konkurrenzfähig, sodass selbst nach einem Krieg eine deutsche Wirtschaft praktisch keine wirkliche Zukunft mehr hätte.

Wladimir Putin nutzt das Forum ja traditionell für eine triumphale Rede über die Resilienz der russischen Wirtschaft. Es gibt aber Ökonomen, die warnen, dass dieses Wachstum eine reine Rüstungsblase ist, das Budget gewissermaßen gesprengt wird, der Kriegsausbau, die steigenden Schuldenzinsen, das alles sehr stark belastet. Wie gut ist sie ihm dieses Jahr gelungen, diese Überzeugungsarbeit?

Ja, da muss man, wenn man sich die Zahlen wirklich real anschaut, gar nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. Das, was da im Westen propagiert wird, ist Propaganda. In Tat und Wahrheit ist es so, dass Russland natürlich seit 2022 durch diese Sanktionen geschädigt war. Russland hat dann auf der Stelle eine ungeheure Substitution in Gang gesetzt und dafür gesorgt hat, dass alles, was vom Westen importiert werden musste, jetzt selbst hergestellt werden kann. Und das ist gelungen. Es wurde jetzt im Forum davon gesprochen, dass die Wirtschaftssouveränität Russlands erreicht sei.

Und jetzt kommt das Problem, dass man darauf aufbauend ein neues Wachstum aufziehen muss.

Im Westen ist immer davon die Rede, dass im letzten Jahr das Wirtschaftswachstum in Russland zurückgegangen sei. Das stimmt so. Wenn man die Zahlen anschaut von der Statistischen Behörde und von der Nationalbank, dann ist das so.

Das frühere Wachstum von 4,5 Prozent, das mehrere Jahre da war, ist jetzt auf 1 Prozent im letzten Jahr und auch dieses Jahr auf 1 Prozent zurückgegangen. Dem lag aber ein Plan zugrunde, weil die russische Nationalbank Befürchtungen hatte, durch das starke Wachstum in eine Hyperinflation zu rutschen. Die Russen haben eine gewisse Befürchtung aus den Zeiten der 90er Jahre, dass diese galoppierende Hyperinflation die Wirtschaft kaputt macht. Und deshalb hat die russische Nationalbank die Zinsen raufgesetzt. Und das hat die kleinen und mittleren Betriebe schwer beschädigt, kann man sagen. Die hatten Schwierigkeiten und deshalb ist das Wachstum zurückgegangen.

Jetzt ist aber dieser Kurs – auch durch lautstarken Protest innerhalb von Russland – wieder geändert worden. Die Nationalbank setzt die Zinsen wieder runter und jetzt prognostiziert sie für 2027 ein Wachstum von 5,7 Prozent. Wir werden abwarten müssen, ob sich das bewahrheitet.

Man kann aber davon ausgehen, dass die innere Kraft der russischen Wirtschaft so ist, dass das auch gelingen kann. Man muss ja dazu sehen, dass Russland vollständig autark ist, was die Energieversorgung und die Rohstoffe angeht. Und die Technologie, die sie jetzt bekommen aus Asien, wird dafür sorgen, dass die russische Wirtschaft auch wieder wächst.

Mit der Rüstungsindustrie hat das wenig zu tun. Die offiziellen Zahlen sagen, dass das Sozialprodukt ungefähr zwischen 7 und 8 Prozent von der Rüstungsindustrie getragen wird. Das ist nun kein wahnsinnig hoher Betrag, wenn das mit westlichen Zahlen – insbesondere aus den USA – vergleicht. Also muss man von daher immer vorsichtig sein. Frau von der Leyen hat ja davon gesprochen, dass die russische Wirtschaft in Trümmern liege. Wenn man sich aber Russland anschaut und dort in Moskau zum Beispiel in die Läden geht, sieht man, dass dieses Land absolut auf dem Stand ist. Die Versorgung der Bevölkerung ist absolut gewährleistet.

Wenn wir Bilanz ziehen: Es war ja jetzt nun kein sportlicher Wettbewerb, aber irgendwo doch auch immer ein Kräftemessen. Wer geht denn als Gewinner aus diesem St. Petersburger Forum hervor? Ist es dem Kreml gelungen, die Stärke zu demonstrieren? Oder sind es vielleicht Partner wie China oder Saudi-Arabien, die Russlands Isolation für die eigenen Konditionen ausnutzen können? Wer schwingt da oben aus?

Also da würde ich auf die Stellungnahme von Jeffrey Sachs verweisen. Was da in Petersburg passiert, ist ja nicht, dass einer gewinnen soll. Sondern im Gegenteil: Es geht ja darum – Xi Jinping aus Peking hat ja auch das immer betont... Das, was sie jetzt versuchen, auch das neue Finanzsystem und all diese Dinge, sind nicht gerichtet darauf, dass einer gewinnt, sondern im Gegenteil: Es soll eine Win-Win-Situation entstehen.

Und in dem Sinne spricht auch Jeffrey Sachs davon: Das, was jetzt entstehen soll, ist eine multilaterale Welt. Multilateral im Sinne davon, dass alle miteinander auf Augenhöhe so kooperieren, dass alle davon einen Nutzen haben. Und das schließt auch Amerika ein, wenn sie sich dazu entschließen können, aus diesem hegemonialen System auszusteigen und dann sich einreihen als einer wie alle. Dann bekommen wir eine andere Welt.

Und in diesem Sinne würde ich sagen, Petersburg war ein Schritt in diese Richtung. Man bemüht sich, aber der Westen sträubt sich natürlich derzeit noch erheblich.

Nimmt man das in Europa zur Kenntnis, dass das unterm Strich wahrscheinlich ein wichtiger und erfolgreicher Schritt war oder wird das aus strategischen Gründen vielleicht belächelt?

Das wundert mich immer, wissen Sie. Mich wundert das enorm, dass die immer propagandistisch Russland so niederreden und kleinreden, China niederreden, und BRICS lächerlich machen. Ob sie denn meinen, dass ihre eigene Propaganda dann am Schluss die Realität so ändern kann, dass sie dann in ihrem eigenen Sinn sich verändert? Das wundert mich immer.

Weil in Tat und Wahrheit ist es so, dass Europa am Absaufen ist, mal ganz ehrlich, wirtschaftlich, kulturell und so weiter. Also da wundert es mich, dass die da nicht auf die Idee kommen, man könnte doch mal konstruktiv voranschauen.

Das St. Petersburger Wirtschaftsforum zeigt in aller Deutlichkeit, die Weltwirtschaft ordnet sich neu, abseits der alten westlichen Achsen. Im Gespräch war Andreas Mylaeus, Redakteur beim Forum Geopolitica. Besten Dank, Herr Mylaeus.

Gerne.

Dieses Gespräch ist abrufbar beim Kontrafunk unter diesem link:

https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/politik-und-zeitgeschehen/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-8-juni-2026

Das St. Petersburg Forum (Zeitplan, Inhalt der Panels und deren Teilnehmer sowie Videoaufzeichnungen mit englischer Simultanübersetzung) können über diesen Link nachverfolgen:

https://roscongress.ru/en/events/peterburgskiy-mezhdunarodnyy-ekonomicheskiy-forum-2026/program/

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