Peter Hänseler – Gedanken in Dubai
Maria Avilova und Peter Hänseler – Dubai, 1. März 2026

Peter Hänseler – Gedanken in Dubai

Peter Hänseler befindet sich mit seiner Familie in Dubai. Eine nüchterne Analyse eines Ferienaufenthalts, der keiner mehr ist.
So. 01 Mär 2026 4

Vor gut drei Wochen machte ich auf dem Weg in die Schweiz Halt in Dubai und führte mit meinem Freund und Co-Autor Simon Hunt und weiteren interessanten Menschen Gespräche über die bedenkliche Entwicklung der geopolitischen Lage. Ich war besorgt über den Truppenaufmarsch der Amerikaner im Persischen Golf, hoffte jedoch, dass der Krieg nicht ausbrechen würde. Ein Krieg, zu dem es nur dann käme, falls die Amerikaner die Situation und ihre eigenen Möglichkeiten komplett falsch einschätzen würden. Scott Ritter, der in seinem letzten Artikel bei uns – «Krieg gegen Iran» - ein düsteres Bild zeichnete, oder auch Larry Johnson sollten Recht behalten. Die Amerikaner haben den Bezug zur Realität verloren. Der Krieg ist da.

Mit Simon Hunt traf ich einen sehr gebildeten Mann, ein erfolgreicher indischer Investor, der mit seiner Familie in Dubai wohnt. Ich sagte ihm, sollte der Krieg ausbrechen, würden die Iraner alle amerikanischen Militärinstallationen im Nahen Osten angreifen – auch in den Emiraten, auch in Dubai und anderswo. Er konnte es nicht glauben. Diese meine Überzeugung gewann ich im Austausch mit Professor Mohammad Marandi, einem liebenswürdigen Professor aus Teheran, welcher die Mentalität der Amerikaner zutiefst verinnerlicht hat. In Richmond / Virginia geboren, mit 13 Jahren in den Iran übergesiedelt, diente er als junger Mann im Iran-Irak Krieg.  In diesem Krieg verlor er praktisch alle Kameraden seiner Einheit, wurde selbst schwer verletzt und lehrt heute persische Literatur in Teheran lehrt. Er überzeugte mich davon, dass ein neuerlicher Angriff auf den Iran zu einem regionalen Krieg führen würde. Seit Samstagmorgen ist dies nun Realität.

Vor ein paar Tagen traf ich mich auf dem Rückweg aus der Schweiz mit meiner Familie in Dubai; Masha hatte hier ein paar Dinge zu erledigen und wir fanden es eine schöne Idee, diese Zeit gemeinsam zu verbringen.

Als der Krieg am Samstagmorgen begann, spürte man nichts davon. In unserem Beach-Hotel spielte die Musik laut und die Menschen schien es nicht zu kümmern, wie auch? Der Krieg fand ja schliesslich nicht in Dubai statt, sondern im Iran und in Israel. Typisch Mensch. «Das ist nicht mein Problem, das Elend ist weit, die Musik spielt weiter».

Die Amerikaner und die Israelis jubelten bereits nach ein paar Stunden. Einmal mehr führten beide einen Enthauptungsschlag gegen die Führung im Iran. Wie im Juni 2025 lullten die Amerikaner die Iraner mit Verhandlungen ein, die man am Montag hätte weiterführen wollen, nur um die Iraner während der laufenden Verhandlungen anzugreifen. Somit darf man mit Fug behaupten: Wenn die Amerikaner verhandeln, ist das ein Zeichen dafür, dass sie hinterrücks angreifen werden. Mit den Amerikanern Verhandlungen zu führen, ist tödlich,  und darin wird das Problem für die Zukunft liegen, vgl. dazu meinen Artikel vom «Diplomatie auf dem Totenbett – vom Friedenspräsidenten zum Kriegstreiber».

Heute morgen ist es Tatsache – das Staatsoberhaupt und oberste geistliche Authorität Ajatollah Ali Chamenei kam beim ersten Schlag gegen den Iran ums Leben. Die Israelis und die Amerikaner sind fest davon überzeugt, damit den Iran am Boden zerstört zu haben und im Weiteren würden ein paar Tage Bombardierung reichen, um ihr Ziel «regime change» zu erreichen. Das wird nicht passieren.

Der erste Stimmungswandel in Dubai kam am Samstagnachmittag – der Flughafen Dubai wurde geschlossen. Auf Flight-Radar konnte man zuschauen, wie der Flugverkehr zum Erliegen kam. Da wird es wohl nichts mit der Heimreise am Montag. Mashas Sohn und sein Freund freuten sich – keine Schule!

Kluge Menschen lernen aus den Fehlern in der Vergangenheit. Die Iraner zeigten bereits während des 12-Tage-Krieges vom letzten Sommer, dass Sie sich durchaus wehren können und fügten Israel eine komplette Schlappe zu – so die Realität. Der Umstand, dass sich die westlichen Medien verrenken mussten, um Israel als «Sieger» darzustellen, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Nach dem Geheul der Israelis gaben die Iraner – auch auf Wort und Glauben der USA - leider nach. Die Amerikaner meinten jetzt – ein gutes halbes Jahr später – genug nachgebessert zu haben, um den Krieg zu gewinnen. Es spricht praktisch alles dagegen. Denn alles, was die Amerikaner mit dem 12-Tage-Krieg im Juni letzten Jahres und den gemeinsam mit Israel und Grossbritannien angezettelten brutalen und überaus blutigen Unruhen à la Maidan Anfang des Jahres 2026 erreicht haben, ist, dass die Iraner zusammenstehen wie noch nie in den letzten 47 Jahren. Hier ein kurzer Blick auf die Kundgebungen in Iran – schlechte Laune gegenüber der Regierung oder gar Protest gegen sie sieht anders aus.

Am gestrigen späten Nachmittag hörte man in Dubai Detonationen. Man sprach von einem CIA-Standort, der angegriffen worden sei. Weiter entstanden einige Schäden von herunterfallenden Trümmerteilen abgeschossener Raketen und Drohnen. Von einem direkten Angriff auf die Innenstadt in Dubai war nichts zu sehen. Den Samstagabend liessen sich Masha und ich nicht verderben und wir gingen in unser Lieblingsrestaurant in Dubai – ins Alici. Als wir ankamen, teilte uns der Restaurantmanager mit, dass alle Reservationen von den Gästen storniert worden seien – ausser von den Russen. Nachdem die Menschen am Nachmittag noch Party feierten, hatten nun alle Angst, aus dem Haus zu gehen – ausser den Russen. Es war eine grossartige Runde; keiner von ihnen konnte die Panik verstehen, wir auch nicht.

Da man sich die Nacht nicht mit X und Telegram um die Ohren schlagen kann, gingen wir zeitig ins Bett. Guter Schlaf ist der beste Berater in Zeiten der Unsicherheit. Diese Strategie wurde jedoch vom Hotelmanagement zunichte gemacht. Um ca. zwei Uhr in der Früh gingen die Sirenen los – man müsse sich umgehend in der Hotellobby einfinden. Übernächtigte Gesichter standen ein paar Minuten später dort. Man riet den Gästen, die Nacht in der Tiefgarage zu verbringen. Ein grotesker Vorschlag – wir befanden uns weit entfernt von amerikanischen Militärbasen. Zurück im Zimmer schliefen wir den Schlaf der Gerechten und am Morgen war beim Frühstück einfach zu erkennen, wer im Bett schlief und wer in der Tiefgarage – die Russen sahen erholt aus.

Ich habe keine Ahnung, wie und wann wir wieder abreisen können, aber für ausserordentliche Situationen haben wir eine einfache Regel: Wenn man eine Situation durch eigenes Tun nicht ändern kann, so sollte man sich mit ihr arrangieren und das Beste daraus machen – und das tun wir.

Jetzt fragen Sie sich sicher, was für ein Fazit ich schreiben werde, welche Schlüsse man heute ziehen kann. Kurzantwort: Keine. Falls die USA und Israel durch ihre Angriffe die iranische geistliche und weltliche Führung nicht zu Fall bringen können, haben sie bereits verloren. Meines Erachtens wird es zu keinem Fall der iranischen Regierung kommen, vielmehr haben der 12-Tage-Krieg, die Unruhen im Maidan-Stil zu Beginn des Jahres und der Angriff vom 28. Februar 2026 das Volk geeint. Was beide Agressoren – USA und Israel – dazu treibt, eine Mädchenschule anzugreifen, was zum Tode von über 100 jungen Mädchen führte, bleibt einem geistig gesunden Menschen verschlossen. Man darf, ja man muss die dafür verantwortliche israelische und amerikanische politisch-militärische Führung mit Fug als Psychopathen bezeichnen.

Die Iraner werden dann gesiegt haben, wenn sie in Frieden werden leben können, frei, ohne Sanktionen und ohne von zionistischen Terroristen als Terroristen bezeichnet zu werden. Das wird erst der Fall sein, wenn der grösste Terrorist im Nahen Osten beseitigt worden ist: Israel, bzw. die zionistische Führung des Landes. Dass die Iraner klein beigeben werden, steht nicht zu erwarten. Ein Einlenken Trumps käme politischem Selbstmord gleich – dann verliert er die Zwischenwahlen im November ganz sicher. Wenn er nicht einlenkt und der Iran standhaft bleibt, dann wohl auch.

Es wäre unangemessen, die Situation als spannend zu bezeichnen, denn die Beteiligten werden durch knietiefes Blut waten. Dazu besteht die reale Gefahr einer weit über Westasien hinausgehenden Eskalation. Denn dieser Krieg richtet sich nicht nur gegen den Iran. Es ist der erste Krieg des im Abstieg begriffenen Westens gegen BRICS (dazu meine Serie «Der Krieg zweier Welten hat begonnen»). Neben dem heissen Krieg gegen den Iran wird die Konfrontation mit BRICS mit allen Mitteln und auf allen Ebenen geführt. Der Besuch des indischen Premierministers Narendra Modi am 27. Februar 2026 spricht Bände und dürfte ausserhalb des Westens weltweit eine Menge Fragen aufwerfen, nicht unbedingt zum Vorteil von Indien. Und BRICS?

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