Europa schwebt über dem Abgrund
Zwei Feuer, die zum Sturm ausarten können
Am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg –112 Jahre später sieht es ähnlich aus, denn für eine komplette Eskalation braucht es nicht mehr viel. Heute lodern zwei Brandherde, welche das Potential haben, die gesamte Welt in einen globalen Konflikt zu stürzen.
Gegenüber dem Iran bricht «Friedensstifter» Trump das MOU, genauso wie wir es erwarteten, und greift den Iran erneut an, nota bene während der grössten Trauerfeier, welche die Welt je gesehen hat. Der Iran hat militärisch zwar reagiert, jedoch zurückhaltend. Es gibt Stimmen, die das mit den Trauerfeierlichkeiten verbinden. Wahrscheinlicher ist allerdings die Umsetzung einer Strategie, durch die Blockade von Hormuz den Westen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Der Nahe Osten und Europa befinden sich in einem Schwebezustand – wie lange noch?
Der Kollektive Westen behauptet, durch Krieg Russland zum Frieden zwingen zu wollen und zu können. Zum Erstaunen vieler Beobachter – auch in Russland – schlug die russische Armee (noch nicht) gegen Europa zurück.
In diesem Beitrag erörtern wir die Situation in Europa.
Trump aggressiver als Biden
Präsident Biden galt als Kriegstreiber und Marionette des deep states. Folglich beliefern die USA und Europa seit Beginn der militärischen Spezialoperation Russlands die Ukraine mit Waffen, auch wenn anfangs selbst Joe Biden Bedenken zeigte, dass dieses Verhaltens des Westens in den Dritten Weltkrieg führen könnte.
"The idea that we're going to send in offensive equipment and have planes and tanks and trains going in with American pilots and American crews... that's called 'World War III.'"
Präsident Joe Biden, 11. März 2022
Das veranlasste viele Kommentatoren – unter anderem auch uns – Donald Trump den Vorzug zu geben. Einem Mann, der Frieden versprach und vollmundig verkündete, keine neuen Kriege vom Zaun zu reissen und den Ukrainekrieg in 24 Stunden zu beenden. Doch nun befürwortete Trump auf dem NATO-Gipfel in Ankara ukrainische Angriffe tief im Inneren Russlands.
"Trump said he supported Ukraine striking targets deep inside Russian territory, calling it an escalation that could help end the war."
The Wallstreet Journal, 8. Juli 2026
Europa und USA im offenen Krieg gegen Russland
Fast alle in diesem Krieg von der Ukraine verwendeten Waffen werden von Europa und den USA geliefert. Wobei viele von ihnen ohne NATO-Personal in der Ukraine oder in irgendeinem NATO-Stützpunkt nicht einsetzbar sind und ohne Satellitenunterstützung der USA ihre Ziele in Russland nicht finden. Hier von einem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu sprechen ist somit unzutreffend: Europa führt mit tatkräftiger Unterstützung der USA Krieg gegen Russland. Fand dies bis vor Kurzem versteckt statt, präsentieren die Aggressoren heute voller Stolz ihre direkte Beteiligung.
Bis jetzt hat Russland militärisch gegen Europa nicht reagiert und setzte bis vor kurzem auf Diplomatie. Doch die Zeichen der Zeit haben sich geändert, auch wenn Russland weiterhin betont, eine diplomatische Lösung unter Berücksichtigung aller Seiten nicht ablehnend gegenüberzustehen. Das musste auch Roger Köppel erfahren, Verleger, Chefredaktor und Eigentümer des Schweizerischen Magazins «Weltwoche». Anlässlich eines Interviews mit Margarita Simonjan, Chefredakteurin von RT, versuchte er nicht einmal, nicht zweimal, nein dreimal der einflussreichen Journalistin eine Aussage dahingehend zu entlocken, dass Russland auch eine Verantwortung für die Situation in der Ukraine trage. Jedes Mal wies sie dieses Ansinnen mit scharfen Worten zurück, was Köppel jedoch nicht verstehen wollte. Schließlich wies Simonjan den Schweizer Journalisten diplomatisch unmissverständlich mit folgenden Worten in die Schranken: «Ich habe das Gefühl, hier redet ein Blinder mit einem Tauben».
Folgenschwere Aussagen russischer Diplomaten
Dimitry Peskow, der Sprecher von Präsident Putin, machte eine Aussage, die mit Sicherheit vom Westen nicht verstanden wird, jedoch von grosser Tragweite ist:
„Es herrscht Krieg, ein echter Krieg. Wissen Sie, warum es ein Krieg ist? Deshalb, weil alles als spezielle Militäroperation angefangen hat. Sie wird als Krieg fortgesetzt, weil hinter Kiew sowohl Berlin als auch Paris, Den Haag, Oslo und leider auch Washington stehen. Weil man ihm hilft, über seine Satelliten zu zielen, und ihm hilft, ausländische Waffen über seine gesamte Infrastruktur auf unsere Ziele auszurichten. Unter diesen Umständen müssen wir uns klar machen: Das Regime in Kiew ist zu allem fähig.“
Dimitry Peskov, 5. Juli 2026
Wie die Aussage von Peskow – der für Präsident Putin spricht – auszulegen sind, wird in Kürze von René Zittlau in einem separaten Artikel erörtert werden.
Am 9. Juli verlautbarte der russische Aussenminister Sergei Lawrow folgendes:
Russland „wird dem Westen nicht länger glauben, dass er auf Verhandlungslösungen hinarbeitet“, da „diese Reserve an gutem Willen und Hoffnung vollständig aufgebraucht ist“.
Sergei Lawrow, 9. Juli 2026
Friedrich Merz setzt auf Krieg
Friedrich Merz fühlt sich als Deutscher offensichtlich verpflichtet, bei den Russen schlimme Erinnerungen zu wecken und alte Wunden aufzureissen, die in den letzten 80 Jahren mit viel Bemühen beider Seiten einer stetigen Heilung zugeführt wurden. Er übt sich mit kerniger und brachialer Sprache darin, den deutschen Endsieg herbeizureden, bevor die Russen überhaupt militärisch reagiert haben.
"Russland hat keine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Sie werden die Kriegsziele nicht erreichen. Je schneller wir diesen Krieg beenden, desto besser ist es für Europa, desto besser ist es für Russland und desto besser ist es für den Frieden in der Welt."
Friedrich Merz, 8. Juli 2026
Irgendwann wird dieser Krieg zu einem Ende kommen. Eines ist sicher: Es wird eine deutsche Delegation nach Moskau reisen und sich für Merz & Co. entschuldigen.
Das deutsche Volk ist Russland betreffend gespalten. Ein großer Teil der Ostdeutschen ist aus Überzeugung gegen diesen möglichen Krieg. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Westdeutschen mögen negativ gegen Russland eingestellt sein, aber in den Krieg ziehen wollen auch sie gegen dieses Land ganz sicher nicht.
Vor Kurzem schrieb die Bundeswehr 298.200 Personen an, die demnächst in das wehrpflichtige Alter kommen, also 18 Jahre alt werden. Lediglich 530 Personen, also nicht einmal 0,18 Prozent, meldeten sich daraufhin freiwillig für den Wehrdienst. Weitere ca. 20 Prozent können sich einen Dienst in der Bundeswehr vorstellen. Wahrlich keine Zahlen, mit denen man als Bundeskanzler «zuversichtlich» einen Krieg planen könnte. Siehe dazu unsere Ausführungen in «Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!».
«Ob die Russen nach 1914 und 1941 noch einmal vergeben werden, bezweifle ich – auch Engelsgeduld hat ihre Grenzen.»
Der russischen Führung und den Menschen in Russland ist es hoch anzurechnen, nach wie vor zwischen der deutschen politischen Führung und den einfachen deutschen Menschen zu unterscheiden, auch wenn der Verrat an der von Russland gegenüber Deutschland gezeigten und gelebten Vergebung sehr tief sitzt. Es war gelebter Großmut ohne historisches Vorbild, mit welchem die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber den Deutschen den Weg der Vergebung und Versöhnung einschlug. In den letzten dreissig Jahren habe ich in Russland nie antideutsche Sprüche gehört, auch nicht von Kriegsveteranen. Ob die Russen nach 1914 und 1941 noch einmal vergeben werden, bezweifle ich – auch Engelsgeduld hat ihre Grenzen.
«Der deutsche Irrsinn ist zurück – amtlich beglaubigt.»
Deutschlands Verteidigungsausgaben explodieren. Im Jahre 2030 wird Deutschland 29% des gesamten Staatshaushaltes fürs Militär ausgeben. Da muss man in den Zweiten Weltkrieg zurückblättern, um solche Zahlen zu finden. Zum Vergleich, die USA gaben 2025 13,1% des Staatshaushalts für Verteidigung aus. – Der deutsche Irrsinn ist zurück – amtlich beglaubigt.

Es braucht viele Verrenkungen und abenteuerliche Einordnungen, um zu behaupten, man stehe vor dem Krieg und noch nicht im Krieg. Bis jetzt scheint die stoische Geduld von Präsident Putin zu halten. Er setzt auf den militärischen Sieg in der Ukraine und auf einen Kollaps der Energie- und Finanzmärkte im Westen. Militärisch kommt Russland in der Ukraine gut voran und der Zeitpunkt wird kommen, in dem die westlichen Medien ihre Märchenerzählungen von ukrainischen Erfolgen werden beenden müssen. Es ist wie 1944, als Nazi-Deutschland immer noch vom Endsieg träumte und dies propagierte; sie wurden von der Wirklichkeit eingeholt – diesmal wird es nicht anders sein.
Die europäischen Angriffe auf die Ölinfrastruktur
Täglich greifen europäische Waffensysteme die Ölinfrastruktur bis tief ins Innere Russlands an. Die Folgen sind erheblich. Es fehlt teilweise an Benzin und Diesel und selbst in Moskau bilden sich Schlangen vor den Tankstellen. Zu den Schäden an der Ölinfrastruktur und seine Konsequenzen äusserte sich Präsident Putin in einem Interview mit Pavel Zarubin am 28. Juni 2026 wie folgt:
„Was die Angriffe auf kritische Infrastruktur im Allgemeinen und auf die Energieinfrastruktur im Besonderen angeht, so verursachen sie natürlich gewisse Probleme. Das liegt auf der Hand. Ich glaube jedoch, dass diese Probleme nicht kritisch sind. Wir müssen lediglich die Produktion der entsprechenden Ausrüstung, einschließlich Luftabwehrsysteme, steigern und die Leistungsfähigkeit der damit befassten Einheiten verbessern.“
Kremlin.ru
Viele Russen erwarten und verlangen einen militärischen Schlag gegen Europa. Putin steht unter Druck, dies zu tun. Es gilt jedoch zu beachten, ob ein solcher Schlag Russland näher ans Ziel bringt. Das Ziel ist, die Ukraine zu besiegen und die westliche Grenze des Riesenreiches abzusichern – ein für alle Mal. Europa kann im besten Fall 50'000 Kampftruppen stellen. Diese Zahl stell keine Gefahr für Russland dar. Solange die Drohnen- und Raketenangriffe nicht doch noch kritisch werden, muss Präsident Putin gegenüber Europa nicht reagieren. Die Europäer trachten jedoch danach, einen russischen Schlag zu provozieren, um sich dann als Opfer darzustellen und einen Krieg vom Zaun zu brechen, bei dem sie gar nicht teilnehmen können und wollen; sicherlich nicht mit eigenen Soldaten. Weiter könnten die Europäer den wohl bald kommenden eigenen und selbst verursachten Finanzkollaps Russland in die Schuhe schieben. Ich bezweifle, dass die Schachspieler im Kreml sich provozieren lassen, trotz der Rufe im Volk zurückzuschlagen.
Vorgeschobene Angst vor Russland
Vor ein paar Tagen führte ich ein sehr interessantes Gespräch in Ankara. Mein Gesprächspartner führte aus, dass das ganze Russlandgeschrei nichts als ein Ablenkungsmanöver von einer komplett anderen Strategie sei: Die NATO sei in zwei Jahren Geschichte und die Europäer würden danach streben, ein von den USA unabhängiges System aufzubauen. Die Europäer würden jedoch in einem neuen System keine Waffen der USA einkaufen wollen, denn die gigantischen Gewinne aus der Waffenproduktion sollen in Europa anfallen. Die Amerikaner hätten den Braten bereits gerochen und vor ein paar Tagen ein Dutzend US-Rüstungsexperten – besser Waffenlieferanten – nach Brüssel gesandt, um die Europäer davon zu überzeugen, ihre Waffen auch weiterhin in den USA zu kaufen. Das sei den Amerikanern jedoch nicht geglückt. Falls diese Geschichte stimmen sollte, so machen die gigantischen Rüstungsausgaben, wie etwa von Deutschland, Sinn: Europäische Länder benötigen astronomische Summen, um eine Rüstungsindustrie aufzubauen, welche sie von den USA unabhängig machen. Um diese Budgets durchzubringen, benötigen sie eine Kriegsgefahr; da kommen die Russen wie gerufen, denn ohne Kriegsgefahr würde sich das Volk höhere Steuern und Abstriche bei Bildung und Sozialdiensten nicht gefallen lassen.
Der Schwebezustand könnte länger dauern
Die in diesem Beitrag erörterten Zitate von russischer Seite weisen darauf hin, dass Russland nicht mehr an eine diplomatische Lösung glaubt (Lawrow), dass der Wechsel der Bezeichnung des Konflikts von «Spezialoperation» zu «Krieg» auf eine härtere Gangart Russlands in der Ukraine hinweist. Die Aussagen von Präsident Putin lassen darauf schließen, dass er trotz klarer direkter Kriegsbeteiligung Europas und der USA einen direkten Schlag gegen Europa (noch) vermeiden und somit den Konflikt weiterhin in einem Schwebezustand halten wird. Ein direkter Schlag gegen Europa bringt Russland keinen Schritt näher an sein Ziel, die Ukraine als Plattform der westlichen Aggression gegen Russland auszuschalten.
Der Westen, der mit aller Macht einen Krieg gegen Russland zu provozieren versucht, wird wohl dieser seiner Strategie weiter treu bleiben und eine Eskalation forcieren. Die Russen werden Mittel finden müssen, um sich effizienter gegen die westlichen Angriffe auf ihre Infrastruktur zu wappnen. Dieser Prozess läuft. Juristisch steht es Russland frei, militärisch gegen Europa vorzugehen. Präsident Putin lässt sich diese Option offen, versucht jedoch vorrangig, seine offensiven Kräfte in der Ukraine zu bündeln und wartet ab. Er kann diese Strategie fahren, da Russland die Umstellung auf Kriegswirtschaft im Gegensatz zu Europa bereits vollzogen hat, das Volk hinter ihm steht und kein Damoklesschwert eines Finanzkollaps über ihm schwebt. Die aggressive Haltung des Westens lässt den Schluss zu, dass ihm die Trump(f)karten ausgehen.
Nach Redaktionsschluss kam die Nachricht über den Tod von Lindsey Graham, einem der grössten Kriegstreiber und Russlandhasser unserer Zeit. Der Tod eines jeden Menschen ist zu bedauern. Seine Freude darüber, dass Russen sterben und dies die beste Investition sei, mindert unsere Trauer jedoch erheblich.
Mein Freund, Professor Mohammad Marandi, ein wirklich sanfter Mensch, drückte es etwas anders aus:
«Europa schwebt über dem Abgrund»