Erschiess den Hund
Mein Vortrag auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg sollte eigentlich der Inbegriff diplomatischer Finesse sein. Stattdessen bin ich vom Skript abgewichen. Darin bin ich besser.
Am 4. Juni 2026 hatte ich die Ehre, als Teilnehmer an einer Podiumsdiskussion mitzuwirken, die im Rahmen des Internationalen Wirtschaftsforums von Sankt Petersburg 2026 (SPIEF) stattfinden sollte – einer seit 1997 jährlich stattfindenden Zusammenkunft russischer Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik. Im Laufe der Jahre hat diese Veranstaltung ein solches Ausmaß angenommen, dass sie ihr in Europa ansässiges Pendant, das Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, in den Schatten stellt. Im Jahr 2026 zog Davos rund 3.000 Teilnehmer aus 136 Ländern an; das SPIEF verzeichnete fast 25.000 Teilnehmer aus über 100 Ländern und Gebieten. In einer Zeit, in der der kollektive Westen unter der Führung Europas die diplomatische und wirtschaftliche Isolation Russlands anstrebt, beweist das SPIEF die Torheit dieses Vorhabens – die einzige geopolitische Gruppe, die beim SPIEF fehlte, waren die Europäer (Anmerkung: Es waren Hunderte von Delegierten und Führungskräften europäischer Unternehmen anwesend – offenbar ist Russland ein guter Ort, um Geschäfte zu machen, denn während des viertägigen SPIEF 2026 wurden Verträge im Wert von rund 84 Milliarden Dollar unterzeichnet). Das SPIEF ist der Ort, an dem sich die Welt außerhalb der isolierten, elitären Atmosphäre von Davos versammelt – die reale Welt, nicht eine künstliche Fantasiewelt, die auf der Fiktion europäischer Relevanz und Einflussnahme aufgebaut ist. In jüngerer Zeit ist das SPIEF vor allem für seine Plenarsitzung bekannt geworden, bei der der russische Präsident Wladimir Putin eine mit Spannung erwartete Rede hält und anschließend in einem stundenlangen Austausch Fragen beantwortet, der niemals enttäuscht und stets für Schlagzeilen sorgt.
Wie ich bereits sagte, war es für mich eine große Ehre und ein Privileg, zur Teilnahme an einer so hochkarätigen Veranstaltung eingeladen worden zu sein.
Die Podiumsdiskussion, an der ich teilnehmen sollte, trug den Titel „Die Welt in Unordnung“: Gibt es in den heutigen internationalen Beziehungen noch Raum für Diplomatie? Die Veranstaltung wurde von Dmitry Stolkov moderiert, einem außerordentlichen Professor an der MGIMO, der Hochschule für internationale Beziehungen der russischen Regierung, an der die nächste Generation russischer Diplomaten ausgebildet wird.
Der prominenteste Teilnehmer der Podiumsdiskussion war Aleksandr Pankin, stellvertretender Außenminister der Russischen Föderation. Herr Pankin, der 1985 sein Studium an der MGIMO abschloss, konzentrierte sich in seiner Laufbahn auf internationale Organisationen und war im Rahmen seiner Tätigkeit für die Vereinten Nationen in New York und Genf tätig.
Knapp dahinter auf Platz zwei lag Anatoly Torkunov, der Rektor der MGIMO; Herr Torkunov gilt als einer der führenden Experten für russische Diplomatie.
Ebenfalls anwesend waren Sergey Pospelov, der Exekutivsekretär der Parlamentarischen Versammlung der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, Michele Geraci, ein ehemaliger stellvertretender Minister für wirtschaftliche Entwicklung Italiens, sowie John Laughland, ein Euroskeptiker, der derzeit als Professor am ICES, dem Katholischen Institut der Vendée in La Roche-sur-Yon in Westfrankreich, tätig ist, wo er Vorlesungen in Politikwissenschaft, politischer Philosophie und Geschichte hält.
Ich hatte meine Präsentation im Voraus vorbereitet und mir ein paar Notizen auf einem Blatt Papier gekritzelt, um meine Gedanken zu ordnen. Wie jeder weiß, der schon einmal vor Publikum gesprochen hat, werden selbst die besten Pläne oft über den Haufen geworfen, sobald das grüne Licht leuchtet und man an der Reihe ist, das Wort zu ergreifen. Meine eigentliche Präsentation auf dem SPIEF kam gut an, aber ich habe den Eindruck, dass das Publikum und die Podiumsteilnehmer von meiner Aussage am Ende meiner Rede überrascht waren, dass die beste Lösung für Russland im Umgang mit einem außer Kontrolle geratenen europäischen Kollektiv darin bestehe, „den Hund zu erschießen“ – in Anlehnung an meine Analogie, dass sich Europa wie ein tollwütiger Hund verhalte.
Um dieses Konzept näher zu erläutern, möchte ich im Folgenden auf genau jene Notizen zurückgreifen, auf die ich mich während meiner Rede eigentlich beziehen sollte, die mir jedoch im Scheinwerferlicht entfallen waren.
Diplomaten sprechen von „Realpolitik“, „Idealpolitik“ und „dem nationalen Interesse“. Ich bin kein Diplomat, aber ich habe diese und andere Konzepte durch die Lektüre von Werken von Diplomaten kennengelernt, darunter Henry Kissingers Klassiker Diplomacy (auf deutsch unter dem Titel "Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik").
Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, die Ergebnisse der Diplomatie umzusetzen, insbesondere Rüstungskontrollabkommen, die angeblich darauf abzielen, die Welt zu einem sichereren Ort zum Leben zu machen. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich im Rahmen des Vertrags über nukleare Mittelstreckenwaffen (INF-Vertrag) und leitete später im Auftrag von Resolutionen des Sicherheitsrats Waffeninspektionsteams der Vereinten Nationen im Irak. Für mich stellen Rüstungskontrollabkommen den höchsten Ausdruck menschlicher Vernunft dar; sie verbinden die intellektuelle Fähigkeit, den innewohnenden Wert des Lebens zu verstehen und zu würdigen, mit einem moralischen Kompass, der einen dazu zwingt, entsprechend diesem Verständnis zu handeln.
Der INF-Vertrag war für mich der Inbegriff der Rüstungskontrolle – sozusagen der Goldstandard, der die „Idealpolitik“ der Reagan-Ära, die europäische „Realpolitik“ und das sowjetische „nationale Interesse“ zu einer Einheit, die zum ersten Mal im Atomzeitalter ein Abkommen hervorbrachte, das nicht darauf abzielte, das Wachstum der jeweiligen Atomwaffenarsenale der beteiligten Parteien zu begrenzen, sondern diese tatsächlich zu beseitigen – die logische Schlussfolgerung aus der gemeinsamen Erkenntnis, dass Atomkriege nicht gewonnen werden können und daher niemals geführt werden sollten, wodurch die Notwendigkeit, diese tödlichen Waffen überhaupt zu unterhalten, hinfällig wurde.
Der INF-Vertrag war erfolgreich, weil dies im gegenseitigen Interesse sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Sowjetunion lag. Es handelte sich nicht um ein Abkommen, das einer Partei von der anderen aufgezwungen wurde, sondern um eine Vereinbarung, die auf der gemeinsamen Einsicht beruhte, dass die Vertragsbedingungen für den Fortbestand des Lebens selbst notwendig waren. Im Sinne der präventiven Diplomatie stellt der INF-Vertrag den rationalen Ausdruck der Risikovermeidung dar: Die beteiligten Parteien hatten erkannt, dass die Wege, die sie bei der Entwicklung und dem Einsatz von INF-Waffensystemen eingeschlagen hatten, unweigerlich zu einem Konflikt führen würden, der nur in einem nuklearen Armageddon enden könnte, und dass sie daher keine andere Wahl hatten, als die harten, aber notwendigen Schritte zu unternehmen, um diese Waffen unter für beide Seiten akzeptablen Bedingungen zu beseitigen.
Die Entwaffnung des Irak sollte angeblich dem Vorbild des INF-Vertrags folgen, einer Vereinbarung, die auf Erklärungen über das zu entwaffnende Material beruhte, dessen Einhaltung anschließend durch Inspektionen überprüft wurde. Was die Erfahrungen im Irak von denen des INF-Vertrags unterschied, war die Tatsache, dass sie den kollektiven Willen der Welt widerspiegelten, der in Form einer verbindlichen Resolution des Sicherheitsrats zum Ausdruck kam, die einem Mitgliedstaat als Folge militärischer Maßnahmen auferlegt wurde. Die Abrüstung war nicht das Ergebnis einer gerechten präventiven Diplomatie, sondern vielmehr einer Diplomatie, die durch die inhärente Androhung von Gewalt gestützt wurde.
Die Erfahrungen der UNO im Irak hätten den evolutionären Fortschritt der Abrüstung markieren sollen – ein multilaterales Abkommen, das aus dem kollektiven Verständnis hervorgeht, dass Massenvernichtungswaffen eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellen, insbesondere wenn sie sich in den Händen einer Partei befinden, die ihre Einsatzbereitschaft unter Beweis gestellt hat, und dass sie daher entfernt, vernichtet oder unschädlich gemacht werden müssen.
Im Falle des Irak wurde dieses hehre Ideal jedoch durch das Vorgehen einer einzigen Partei – der Vereinigten Staaten – untergraben, die die Mechanismen der erzwungenen Rüstungskontrolle nicht zum Wohle der gesamten Menschheit einsetzte, sondern vielmehr zur Verfolgung nationaler Ziele eines Regimewechsels im Irak, die weit über den Rahmen des vom Sicherheitsrat vereinbarten Abrüstungskonzepts hinausgingen.
Die Erfahrungen im Irak hätten die Grundlage bilden sollen, auf der die Zukunft der Rüstungskontrolle aufgebaut wurde – ein kollektives Verständnis, dass Massenvernichtungswaffen ein inhärentes Risiko für die gesamte Menschheit darstellen und auf der Grundlage des gemeinsamen Verständnisses der Staatengemeinschaft beseitigt werden sollten. Stattdessen endete dies als ultimativer Ausdruck der US-Hegemonie, bei der die Interessen einer einzelnen Nation über das Gemeinwohl gestellt wurden. Kurz gesagt: Die Erfahrungen mit der Abrüstung im Irak stellen den ultimativen Ausdruck der Perversion der präventiven Diplomatie dar, bei der die Herrschaft des Rechts durch die Herrschaft eines Einzelnen ersetzt wurde.
Springen wir nun in die Gegenwart.
Der amerikanischen Hegemonialmacht ist es gelungen, eine Welt ohne Rüstungskontrolle zu schaffen. Das Irak-Modell des Unilateralismus setzte dem Konzept der für beide Seiten vorteilhaften Abkommen ein Ende und schuf stattdessen ein Umfeld, in dem die Vereinigten Staaten die Rüstungskontrolle als Mittel nutzten, um sich einen strategischen Vorteil gegenüber Russland zu verschaffen und diesen aufrechtzuerhalten. Und wenn ein Rüstungskontrollabkommen unbequem wurde, zogen sich die Vereinigten Staaten einfach zurück – der ABM-Vertrag (Anti-Ballistic Missile) und der INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) sind Zeugnisse dieses Phänomens.
Doch während die Vereinigten Staaten versuchten, ihre Vormachtstellung aufrechtzuerhalten, indem sie darauf bestanden, dass sich der Rest der Welt an den Rahmen der freiwilligen Unterordnung hält, der als „regelbasierte internationale Ordnung“ bekannt ist, hatte sich der Rest der Welt zu einer neuen multilateralen Realität gewandelt, die nicht mehr bereit war, dieses Spiel mitzuspielen. Infolgedessen haben sich die Vereinigten Staaten von jeglichem Rechtsstaatsgedanken losgesagt und agieren nun als Schurkenstaat, der darauf aus ist, seine Vorherrschaft mit roher Gewalt aufrechtzuerhalten. Die Politik des „America First“ ist zu einem Ausdruck von „America only“ geworden. Rüstungskontrolle als solche hat keinen Sinn mehr, da in diesem amerikanizentrierten Konstrukt nur amerikanische Leben von Wert sind. Kurz gesagt: Der moralische Kompass der USA funktioniert nicht mehr.
Erschwerend kommt hinzu, dass Europa sich zu einem Konstrukt entwickelt hat, das nicht mehr ausschließlich unter der Führung der Vereinigten Staaten steht. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fungierte Westeuropa kaum mehr als eine Ansammlung geschwächter, besiegter Nationen, deren Überleben und Bedeutung von ihren wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten abhing. Die Nordatlantik-Vertragsorganisation (NATO) diente als verlängerter Arm des amerikanischen nationalen Sicherheitsapparats. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion trat Europa in eine schöne neue Welt ein, in der es versuchte, die durch die NATO erreichte militärische Einheit in eine neue politische Einheit umzuwandeln, die als Europäische Union bekannt ist. Doch alles, was dieses neue Gebilde bewirkte, war, Europa zu einer Ansammlung von Nichtigkeiten zu machen – die nationale Identität, die einst den europäischen Kontinent prägte, wurde ausgelöscht und durch ein neues europäisches Konstrukt ersetzt, das keinerlei Fundament besitzt, wenn es um jene prägenden Prinzipien geht, die normalerweise ein Volk vereinen. Infolgedessen ist Europa heute kaum mehr als eine Ansammlung von Nationen, die vergessen haben, wer sie waren, und die sich zusammengeschlossen haben, um eine fiktive Union zu schaffen, die es nie gab und nie geben wird.
Europa steht buchstäblich für nichts.
Und nun wurde diese Nichtigkeit aus der Umlaufbahn ihres ehemaligen Herrn losgelöst und sich selbst überlassen. In ihrer Panik führt das daraus resultierende Gerangel um Relevanz dazu, dass die unterschiedlichen nationalen Einheiten, aus denen Europa besteht, verzweifelt versuchen, sich neu zu definieren. Angesichts der Tatsache, dass sie jeden echten Vorwand für eine echte nationale Selbstdarstellung auf der Grundlage ihres derzeitigen Konstrukts verloren haben, sind diese Nationen gezwungen, auf eine Zeit zurückzublicken, in der sie noch eine echte nationale Identität besaßen. Das Ergebnis ist noch gefährlicher als das, was durch das Aufkommen der rücksichtslosen amerikanischen Hegemonialmacht hervorgerufen wurde.
Die Vereinigten Staaten verfügen im Gegensatz zu Europa über eine nationale Identität, die auf klar festgelegten Prinzipien und Werten beruht, die in ihrer Verfassung verankert sind. Letztendlich werden die Vereinigten Staaten als konstitutionelle Republik wieder Fuß fassen, ihren moralischen Kompass neu ausrichten und sich erneut der präventiven Diplomatie zuwenden, die durch Rüstungskontrolle und Abrüstung verkörpert wird.
Europa verfügt jedoch über keine solche Grundlage kollektiver Prinzipien. Stattdessen versuchen das Vereinigte Königreich und Frankreich, sich als Mächte des Kalten Krieges neu zu erfinden, während Deutschland noch weiter in die Vergangenheit zurückgreift und die geopolitischen Politikkonzepte seiner nationalsozialistischen Vergangenheit wiederbelebt. Das Einzige, was Europa heute verbindet, sind die Geister vergangener Konflikte, in denen Russland der Feind war. Verschärft wird diese Denkweise durch die Tatsache, dass der neue europäische Militarismus durch keinerlei Vorstellungen von Rüstungskontrolle eingeschränkt wird. Frankreich und das Vereinigte Königreich haben sich zusammengeschlossen, um eine einheitliche nukleare Haltung zu entwickeln, die ausschließlich auf Russland ausgerichtet ist, und dehnen ihren neu geschaffenen nuklearen Schutzschirm auf Polen und Deutschland aus. Frankreich strebt den Einsatz von atomar bewaffneten Flugzeugen auf finnischem Boden an, womit es Russlands zweitgrößte Stadt Sankt Petersburg und die strategisch wichtige Kola-Halbinsel bedroht, während Deutschland von der Notwendigkeit spricht, eine eigene unabhängige nukleare Abschreckung aufzubauen. Dieser Rausch der nuklearen Aufrüstung wird zusätzlich durch ein politisches Konstrukt angeheizt, das auf der Unumkehrbarkeit eines Krieges mit Russland basiert. Deutschland hat das Datum für diesen Krieg auf das Jahr 2029 festgelegt, während sich das Vereinigte Königreich auf einen solchen Konflikt bis zum Jahr 2030 vorbereitet. Der NATO-Generalsekretär hat der europäischen Gemeinschaft öffentlich mitgeteilt, dass sie sich auf die Art von Krieg vorbereiten müsse, den ihre Großeltern durchlebt haben – ein direkter Verweis auf einen Weltkrieg.
Und all dies geschieht vor dem Hintergrund eines anhaltenden Konflikts zwischen Russland und der Ukraine, der sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem kollektiven Westen unter Führung Europas und Russland entwickelt hat. Hier finanziert und rüstet Europa einen Krieg aus, in dem die von ihm hergestellten Waffen gegen Russland eingesetzt werden, ohne dass dies andere Folgen hätte als tote Ukrainer, um die sich Europa überhaupt nicht schert.
Was soll Russland angesichts solcher Entwicklungen tun?
Die russische Diplomatie war schon immer pragmatisch und nicht anfällig für Anfälle reaktionärer Angst. Dieser Ansatz kann – und wird hoffentlich – Erfolg haben, wenn es um die Vereinigten Staaten geht.
Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass die Vereinigten Staaten ihre Stellung als rationaler Akteur wiedererlangen können und werden – ein Akteur, der auf prinzipiellen Werten basiert und über jene Art von moralischem Kompass verfügt, der für beide Seiten vorteilhafte Rüstungskontrollabkommen ermöglicht.
Bei Europa sieht die Sache anders aus. Auf sich allein gestellt hat sich Europa als kaum mehr als ein Nährboden des Nihilismus erwiesen, als brodelnde Masse selbstzerstörerischer Tendenzen, die sich von innen heraus nicht bewältigen lassen.
Kurz gesagt: Europa ist zu einem tollwütigen Hund geworden, der alles bedroht, was ihm begegnet.
An dieser Stelle möchte ich Russland das Beispiel aus dem amerikanischen Romanklassiker To Kill a Mockingbird (auf deutsch unter dem Titel "Wer die Nachtigall stört") zur Betrachtung vorschlagen.
Atticus Finch, der Held der Geschichte, ist ein Anwalt, der zutiefst von den Grundwerten des Rechts und der Rechtsstaatlichkeit überzeugt ist.
Er ist zudem ein Veteran des Ersten Weltkriegs, der als bester Schütze seiner Einheit bekannt ist.
Als ein tollwütiger Hund seine Gemeinde bedroht, wenden sich die Menschen an Atticus Finch, um Schutz zu suchen.
Nicht wegen seiner prinzipientreuen rechtlichen Standpunkte.
Sondern weil er schießen kann.
Das Gesetz wird seine Gemeinde nicht vor dem tollwütigen Hund retten.
Nur eine Kugel.
Und nun zu Europa.
Das Gesetz wird Russland nicht vor diesem tollwütigen Hund retten.
Was soll Russland also tun?
„Erschiess den Hund“.
Nun wird es sicherlich einige geben, die diese Aussage wörtlich nehmen und dabei an die apokalyptischen Bilder der Karaganov-Doktrin denken, wonach Russland einen Präventivschlag gegen Europa mit konventionellen Waffen wie der Mittelstreckenrakete „Oreshnik“ führt und – sollte dies nicht ausreichen, um Europas Kriegslust gegenüber Russland zu dämpfen – anschließend einen begrenzten Atomschlag nachsetzt.
Dieser Beitrag soll jedoch keinen nuklearen Konflikt fördern, sondern ganz im Gegenteil – einen Weg finden, der uns zurück in eine Zeit führt, in der Rüstungskontrollabkommen als höchster Ausdruck menschlicher Vernunft galten und die Nationen über den moralischen Kompass verfügten, der sie befähigte, entsprechend dieser Einsicht zu handeln.
Der „europäische Hund“ lässt sich beseitigen, indem man sich schlichtweg weigert, ihn als eine Einheit anzuerkennen, die diplomatischer Bemühungen würdig ist. Die Fiktion der europäischen Einheit ist der Klebstoff, der die Fantasie von der militärischen Relevanz Europas zusammenhält. Die Realität ist, dass Deutschland seine militaristischen Fantasien nicht finanzieren kann. Das gilt ebenso für das Vereinigte Königreich wie für Frankreich.
Anstatt Maßnahmen zu ergreifen, die als Funke dienen könnten, um Europa tatsächlich zu vereinen oder – schlimmer noch – Europa wieder unter den Schutzschirm der von den USA gestützten Sicherheit zu bringen, sollte Russland einfach die Auflösung der NATO, den Rückzug Amerikas aus Europa und den unvermeidlichen Zusammenbruch der Europäischen Union selbst fördern.
Russland hat sich weitgehend gegen die Notwendigkeit eines Engagements mit Europa immun gemacht, was zum Teil auf die selbstisolierenden Wirtschaftssanktionen zurückzuführen ist, die Europa gegen Russland verhängt hat. Daher kann Russland in seinem Umgang mit Europa selektiv vorgehen und sich dafür entscheiden, mit einzelnen Staaten zu verhandeln, anstatt mit Europa als Ganzes.
Die politischen und wirtschaftlichen Eliten, die Europa heute regieren, sind das Problem, nicht die Lösung. Viele der schlimmsten Übeltäter – Merz aus Deutschland, Macron aus Frankreich, Starmer aus dem Vereinigten Königreich – sehen, wie ihre politische Relevanz langsam ausläuft. Russland muss nichts weiter tun, als Europa in einem Topf seiner eigenen Schöpfung schmoren zu lassen, in dem all das, was es sich erhofft und angestrebt hat, verkocht, bis nur noch eine leere Kammer dampfender Nichtigkeit übrig bleibt.
Irgendwann werden die einzelnen Nationen, die den europäischen Kontinent bevölkern, erkennen, dass der europäische Eintopf kaum mehr als ein Rezept für ihren kollektiven Untergang ist, und sie werden sich aus diesem Wahnsinn zurückziehen.
Und das künstliche Konstrukt, das man Europa nennt, wird tot sein.
„Erschiess den Hund“ ist nicht wörtlich zu nehmen.
Es ist eine Metapher für den aggressiven Einsatz präventiver Diplomatie, die als Waffe neu interpretiert wird.
Und möge der russische Atticus Finch sie ebenso gekonnt einsetzen wie sein Namensvetter.
Erstmals veröffentlicht am 11. Juni 2026: https://scottritter.substack.com/p/shoot-the-dog?utm_source=post-email-title&publication_id=6892&post_id=200714957&utm_campaign=email-post-title&isFreemail=false&r=1y536l&triedRedirect=true&utm_medium=email
«Erschiess den Hund»